Derek Parfit und die normative Parallelwelt
Derek Parfit und die normative Parallelwelt Oder: Wie man eine ganze Etage einbaut und behauptet, es sei kein Stockwerk 1. Der unsichtbare Aufzug Stellen Sie sich ein Gebäude vor. Ein ganz normales Gebäude. Erdgeschoss, erster Stock, …
Oder: Wie man eine ganze Etage einbaut und behauptet, es sei kein Stockwerk
1. Der unsichtbare Aufzug
Stellen Sie sich ein Gebäude vor. Ein ganz normales Gebäude. Erdgeschoss, erster Stock, zweiter Stock. Alles verständlich, alles begehbar, alles mit Türen und Treppen verbunden. Eines Tages kommt der Architekt und erklärt, es gebe noch ein weiteres Stockwerk. Es liegt irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Stock. Man kann es nicht betreten, nicht sehen, nicht messen. Es hat keine Fenster, keine Wände, keine physische Ausdehnung. Aber es ist definitiv da. Es ist objektiv da. Es ist sogar in einem starken Sinn da.
„Moment", sagen Sie. „Das klingt nach einem Stockwerk."
„Nein", sagt der Architekt. „Es hat keine baulichen Implikationen."
So ungefähr liest sich Derek Parfits Metaethik.
2. Was Parfit behauptet
Derek Parfit (1942–2017) war einer der einflussreichsten Moralphilosophen der letzten Jahrzehnte. Sein Hauptwerk On What Matters umfasst drei Bände und knapp zweitausend Seiten. Die zentrale These lässt sich in vier Punkten zusammenfassen:
Erstens: Moralische Urteile sind Überzeugungen, die wahr oder falsch sein können – nicht bloße Gefühlsausdrücke wie „Buh!" oder „Hurra!".
Zweitens: Manche dieser Überzeugungen sind tatsächlich wahr, und zwar objektiv wahr – unabhängig davon, was irgendwer darüber denkt.
Drittens: Normative Begriffe wie „sollen" und „gut" sind irreduzibel – das heißt, sie lassen sich nicht auf natürliche, wissenschaftlich beschreibbare Eigenschaften zurückführen. „Gut" ist „gut", und damit Schluss.
Viertens – und hier wird es eigentümlich: Diese normativen Wahrheiten haben keine ontologischen Implikationen. „Ontologie" bezeichnet in der Philosophie die Frage, was es gibt, was existiert, was zur Grundausstattung der Realität gehört. Parfit sagt also: Es gibt objektive moralische Wahrheiten, aber sie gehören nicht zur Grundausstattung der Realität.
Man lese diesen vierten Punkt ruhig zweimal. Objektive Wahrheiten, die einstellungsunabhängig gelten – aber nicht zur Realität gehören. Wenn Ihnen das vorkommt wie jemand, der sagt „Dieser Gegenstand ist definitiv schwer, aber er hat keine physikalischen Eigenschaften" – dann haben Sie das Problem bereits bemerkt.
3. Der Dualismus, der keiner sein will
In einer weit entfernten Galaxie gab es einmal einen Planeten, dessen Bewohner zwei Arten von Wetter hatten: das sichtbare Wetter, das man messen und vorhersagen konnte, und das moralische Wetter, das objektiv feststand, aber von keinem Messgerät erfasst werden konnte. Am Montag regnete es moralisch, am Dienstag schien die ethische Sonne. Die Bewohner wussten das, weil sie es einfach spürten. Als ein Besucher fragte, warum das moralische Wetter nie mit dem sichtbaren Wetter übereinstimmte, erklärten sie geduldig, dass die beiden Wettersorten auf verschiedenen Ebenen stattfänden und nichts miteinander zu tun hätten. Auf die Folgefrage, warum man dann einen Regenschirm mitnehmen solle, wenn es moralisch regnete, herrschte betretenes Schweigen.
Was Parfit tatsächlich einführt, ist ein Dualismus – eine Zweiteilung der Wirklichkeit in zwei Ebenen. „Dualismus" bedeutet hier: Die Realität besteht angeblich aus zwei grundverschiedenen Schichten, die nicht aufeinander zurückführbar sind. Auf der einen Seite steht die empirische Realität: alles, was die Wissenschaft untersuchen kann – Atome, Gehirne, Verhalten, Ursachen und Wirkungen. Auf der anderen Seite schweben normative Wahrheiten, die von dieser Realität unabhängig sein sollen.
Parfit nennt diese zweite Ebene „nicht-ontologisch". Das ändert an der Sache so viel wie ein Schild an einer Ente, auf dem „Dies ist keine Ente" steht. Wenn etwas objektiv und einstellungsunabhängig der Fall ist, dann existiert es in irgendeinem relevanten Sinn – und wer behauptet, es existiere, aber ohne „ontologische Implikationen", der hat eine neue Etage eingebaut und weigert sich, sie in den Bauplan einzutragen.
4. „Irreduzibel": Wie man einen Begriff gegen Kritik abdichtet
Die galaktische Versicherungsgesellschaft Schmerz & Söhne hatte einmal eine Police im Angebot, die gegen absolut alles versicherte. Gegen Feuer, Diebstahl, Überschwemmung, existenzielle Angst und den plötzlichen Zusammenbruch der Naturgesetze. Als ein Kunde einen Schadensfall meldete – sein Haus war abgebrannt –, teilte man ihm mit, Feuer im versicherungsrelevanten Sinn sei irreduzibel: Es lasse sich nicht auf chemische Oxidationsprozesse zurückführen. Ob sein Haus tatsächlich gebrannt habe, sei daher eine Frage, die die Chemie nicht beantworten könne. Der Kunde fragte, welche Disziplin denn zuständig sei. „Rationale Einsicht", sagte der Sachbearbeiter. „Und? Haben Sie eine?" „Nein", sagte der Kunde. „Dann kann ich Ihnen leider nicht helfen", sagte der Sachbearbeiter und legte auf.
Parfits Schlüsselbegriff ist „irreduzibel normativ". Das bedeutet: Normative Wahrheiten lassen sich prinzipiell nicht auf natürliche, empirisch beschreibbare Sachverhalte zurückführen. „Gut" ist keine verkürzte Beschreibung einer natürlichen Eigenschaft; „sollen" ist kein verkleideter Kausalsatz. Sie bilden ihre eigene Kategorie.
Das klingt nach einer substanziellen These, erfüllt aber vor allem eine Schutzfunktion. Denn „irreduzibel" heißt im Klartext: per Definition nicht durch empirische Mittel erreichbar, nicht durch Beobachtung überprüfbar, nicht durch naturalistische Rekonstruktion ersetzbar. Wenn jemand kommt und sagt „Ich kann zeigen, dass ‚gut’ sich als zielrelative Eigenschaft verstehen lässt – gut für ein Subjekt, relativ zu einem Ziel, unter bestimmten Umständen", dann lautet die Antwort: „Das kann nicht sein, denn ‚gut’ ist irreduzibel."
Das ist, was Karl Popper Kritikimmunisierung nannte: Man definiert den Gegenstand so, dass kein Argument und keine Beobachtung ihn treffen kann, und erklärt dann die resultierende Unangreifbarkeit zum Beleg seiner Besonderheit. Popper formulierte die methodische Regel, ein bedrohtes System niemals durch einen konventionalistischen Trick zu retten. Bei Parfit wird der Trick zum Fundament der gesamten Architektur.
Oder, um es anschaulich zu machen: Stellen Sie sich vor, jemand behauptet, in seinem Garten lebe ein Drache. Sie schauen nach – kein Drache. „Er ist unsichtbar", sagt der Besitzer. Sie streuen Mehl auf den Boden – keine Fußspuren. „Er schwebt." Sie holen eine Wärmebildkamera – kein Wärmesignal. „Sein Feuer ist kalt." Carl Sagan hat dieses Beispiel berühmt gemacht. Parfits irreduzibel normative Wahrheiten sind der unsichtbare Drache der Metaethik. Bei jeder Methode, die man vorschlägt, um sie zu prüfen, stellt sich heraus, dass sie für genau diese Methode per Definition nicht zugänglich sind. Irgendwann muss man sich fragen, worin sich ein unsichtbarer, schwebender, kaltfeuriger Drache von gar keinem Drachen unterscheidet.
5. Die angebliche Widerlegung des Naturalismus – oder: Moore reloaded
Es gab einmal einen Logiker, der bewies, dass Hunde nicht fliegen können. Sein Beweis ging so: Er definierte „fliegen" als „sich ohne Bodenberührung fortbewegen, und zwar nicht auf hundeartige Weise". Dann zeigte er in dreißig Seiten Formalismus, dass Hunde unter dieser Definition nicht fliegen können. Als jemand einwandte, ein Hund in einem Flugzeug bewege sich durchaus ohne Bodenberührung fort, erklärte der Logiker, das sei kein „echtes Fliegen", weil es sich auf hundeartige Weise erklären lasse. Der Beweis war formal korrekt. Das Publikum war beeindruckt. Die Hunde flogen weiter.
Parfits Hauptstrategie ist ein Ausschlussverfahren: Er argumentiert der Reihe nach gegen alle Konkurrenten – Naturalismus, Nonkognitivismus, Error Theory, metaphysischen Non-Naturalismus – und schließt, dass seine Position als einzige übrig bleibt. Besonders wichtig ist dabei seine „Widerlegung" des Naturalismus, also der Position, dass moralische Tatsachen natürliche Tatsachen sind.
Parfit bringt gegen den Naturalismus zwei Argumente vor. Das erste, die „Normativity Objection", besagt: Normative Eigenschaften können nicht mit natürlichen Eigenschaften identisch sein, weil normative Begriffe irreduzibel normativ sind. Das zweite, die „Triviality Objection", besagt: Wenn Naturalismus wahr wäre, dann müssten moralisch-natürliche Identitätsbehauptungen trivial sein – sind sie aber nicht.
Beide Argumente haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie sind raffinierte Neuauflagen von G. E. Moores berühmtem Open-Question-Argument von 1903. Moore hatte behauptet, „gut" sei ein einfacher, nicht weiter analysierbarer Begriff – und jeder Versuch, „gut" mit einer natürlichen Eigenschaft gleichzusetzen, begehe einen „naturalistischen Fehlschluss". Das Problem an Moores Argument: Es setzt voraus, was es beweisen will. Moore definiert „gut" als irreduzibel und folgert dann, dass es nicht reduziert werden kann. Das ist ein Zirkelschluss, verkleidet als Argument.
Parfit begeht exakt denselben Fehler, nur in eleganterem Gewand. Seine gesamte „Widerlegung" des Naturalismus steht und fällt mit der Annahme, dass normative Begriffe irreduzibel sind. Aber das ist keine Entdeckung, sondern eine Setzung. Wer „gut" stattdessen als relationales Prädikat versteht – etwas ist gut für ein Subjekt, relativ zu einem Ziel, unter gegebenen Umständen –, dem gegenüber greifen weder die Normativity Objection noch die Triviality Objection. Dass „gut" nur relativ zu einem Ziel Sinn ergibt, ist dabei keine exotische Neuerung, sondern die Position, die Mario Bunge und Martin Mahner bereits ausgearbeitet haben: Ein Werturteil hat die Form „a ist wertvoll für Organismus b in Hinblick auf c unter den Umständen d mit dem Ziel e und im Lichte eines Kenntnisstandes f."
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy hält denn auch fest, dass Parfits Argumente gegen den Naturalismus auf dieselbe Weise scheitern wie Moores Open-Question-Argument. Parfit hat den Naturalismus nicht widerlegt. Er hat gezeigt, dass unter der Voraussetzung, dass normative Begriffe irreduzibel sind, der Naturalismus nicht funktioniert. Das ist ungefähr so, als würde jemand beweisen, dass Wasser nicht H₂O sein kann, indem er „Wasser" als „etwas, das keine chemische Zusammensetzung hat" definiert.
6. Synthetische Urteile a priori: Der logische Bankrott
In einer besonders fortschrittlichen Zivilisation hatte man einmal das Denken so weit perfektioniert, dass man allein durch Nachdenken herausfinden konnte, wie die Welt beschaffen ist. Man brauchte nicht mehr nachzuschauen, nicht mehr zu messen, nicht mehr zu experimentieren. Man setzte sich in einen bequemen Sessel, dachte sehr angestrengt nach, und wusste dann Bescheid. Das funktionierte vorzüglich, bis zwei Denker auf entgegengesetzte Ergebnisse kamen. Da man vereinbart hatte, dass Nachschauen nicht nötig sei, gab es keine Möglichkeit festzustellen, wer recht hatte. Nach einiger Debatte kam man überein, dass die Frage offen bleiben müsse. Die Zivilisation existiert übrigens nicht mehr, aber das liegt an etwas völlig anderem.
Da empirische Mittel per Definition ausfallen, bleibt als Erkenntniszugang zu Parfits normativen Wahrheiten nur, was er „rationale Einsicht" und „intuitive Konvergenz" nennt. Man soll durch reines Nachdenken – ohne empirische Grundlage – zu gehaltvollen Wahrheiten über die Welt gelangen. Das klingt elegant. Es hat nur einen Haken: Es ist logisch unmöglich.
Was hier verlangt wird, sind synthetische Urteile a priori. Das klingt sperrig, meint aber etwas Einfaches: Aussagen, die zugleich unabhängig von Erfahrung gelten („a priori") und etwas Neues über die Welt sagen sollen („synthetisch", also gehaltserweiternd – im Gegensatz zu „analytisch", also bloß begriffsentfaltend). Moritz Schlick und der Wiener Kreis haben den entscheidenden Punkt bereits in den 1920er Jahren klargestellt: Urteile, die unabhängig von jeder Erfahrung gelten, können nur analytisch sein – sie machen nur explizit, was in den verwendeten Begriffen bereits enthalten ist. „Alle Junggesellen sind unverheiratet" sagt nichts Neues über die Welt, sondern entfaltet die Bedeutung von „Junggeselle". Hans Hahn hat denselben Punkt 1933 für die Mathematik durchgearbeitet: Auch mathematische Wahrheiten erweitern nicht unser Wissen über die Welt, sondern explizieren die Konsequenzen von Definitionen und Axiomen.
Ein Urteil, das zugleich erfahrungsunabhängig und gehaltserweiternd wäre, ist ausgeschlossen. Entweder es sagt etwas über die Welt – dann muss es an der Erfahrung geprüft werden können. Oder es ist unabhängig von Erfahrung wahr – dann ist es eine begriffliche Wahrheit ohne Weltgehalt. Beides zusammen geht nicht.
Immanuel Kant hatte genau dieses Projekt verfolgt: zu zeigen, dass synthetische Urteile a priori möglich sind. Das Projekt ist gescheitert, und zwar nicht aus kontingenten Gründen, sondern weil es von der Struktur der Sache her nicht funktionieren kann. W. V. O. Quine hat 1951 die analytisch/synthetisch-Unterscheidung dann ohnehin als unhaltbar erwiesen, was die Sache noch weiter verschärft. Aber man braucht Quine gar nicht. Der einfache Punkt genügt: Aus reinem Nachdenken folgen keine neuen Tatsachen über die Welt.
Parfit erbt dieses Problem, ohne es als Problem zu erkennen. Und dass die von ihm erhoffte „intuitive Konvergenz" empirisch nicht eintritt – die Menschheit ist sich über moralische Grundfragen nach einigen Jahrtausenden Debatte spektakulär uneinig –, macht die Sache nicht besser, sondern bestätigt den Punkt.
7. Das Ausschlussverfahren: Sherlock Holmes in einem unendlichen Universum
Ein Detektiv hatte die Methode, Fälle durch Ausschluss zu lösen. Er befragte alle Verdächtigen, schloss sie einen nach dem anderen aus, und der letzte war der Täter. Das funktionierte prächtig, solange er in einem geschlossenen Raum mit einer bekannten Zahl von Personen operierte. Eines Tages wurde er gebeten, einen Fall in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern zu lösen. Er begann mit dem Ausschluss. Nach dreißig Jahren hatte er zweitausend Verdächtige ausgeschlossen und erklärte, er mache gute Fortschritte.
Parfits argumentative Hauptstrategie ist genau dieses Verfahren: Er widerlegt (oder glaubt zu widerlegen) Naturalismus, Nonkognitivismus, Error Theory und metaphysischen Non-Naturalismus, und schließt, dass seine Position als einzige übrig bleibt.
Das funktioniert in einem geschlossenen Raum mit einer endlichen und bekannten Zahl von Möglichkeiten. Parfit operiert aber in einem offenen Theorieraum – die Zahl möglicher Rekonstruktionen normativer Begriffe ist nicht abschließend aufzählbar. Dass er fünf Positionen geprüft hat, zeigt bestenfalls, dass diese fünf Positionen Probleme haben. Es zeigt nicht, dass die sechste, siebte oder hundertste Position scheitern muss. Und es zeigt schon gar nicht, dass seine eigene Position wahr ist.
Darüber hinaus – wie wir in Abschnitt 5 gesehen haben – ist seine „Widerlegung" des Naturalismus selbst fehlerhaft, weil sie Moores irreduziblen Gutbegriff als Prämisse voraussetzt. Fällt diese Prämisse, fällt das Ausschlussargument mit ihr.
8. Der Selbstwiderspruch: Normen, die nichts mit der Welt zu tun haben wollen, aber die Welt verändern sollen
Es gab einmal ein Navigationssystem, das stolz darauf war, mit keiner Straßenkarte verbunden zu sein. Es berechnete Routen aus reiner Vernunft, unabhängig von der tatsächlichen Lage der Straßen. Die Routen waren objektiv korrekt – das stand außer Frage. Nur führten sie gelegentlich durch Hauswände, über Flüsse ohne Brücken und einmal quer durch einen aktiven Vulkan. Als man das Navigationssystem fragte, ob es vielleicht doch sinnvoll wäre, die tatsächliche Geographie zu berücksichtigen, erklärte es, Geographie sei eine natürliche Tatsache und für die Routenberechnung irreduzibel irrelevant.
Und nun zum eigentlichen Problem, das sich nicht reparieren lässt. Normative Aussagen – Sätze der Form „Du sollst X tun" – beanspruchen, etwas über Handlungen in der wirklichen Welt auszusagen. Sie betreffen echte Menschen, echte Entscheidungen, echte Konsequenzen. Eine Norm, die keine Handlung in der Welt betrifft, ist keine Norm, sondern ein Satz ohne Adresse.
Zugleich behauptet Parfit, die normativen Wahrheiten, die solchen Aussagen zugrunde liegen, seien weder aus empirischen Tatsachen ableitbar noch an empirischen Tatsachen prüfbar.
Das ist ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Entweder es gibt eine gesetzmäßige Verbindung zwischen normativer und empirischer Ebene – dann sind normative Wahrheiten empirisch prüfbar, und die Irreduzibilitätsthese bricht zusammen. Oder es gibt keine solche Verbindung – dann können normative Wahrheiten nichts über tatsächliche Sachverhalte aussagen, und sie sind als Handlungsorientierung wertlos.
Man kann nicht beides haben: Handlungsrelevanz und empirische Abgeschirmtheit. Das eine verlangt eine Brücke zur Welt, das andere verbietet sie.
9. Not even wrong
Der Physiker Wolfgang Pauli pflegte über besonders schlechte Theorien zu sagen: „Das ist nicht einmal falsch." Eine Theorie, die falsch ist, sagt immerhin etwas Bestimmtes über die Welt – nur eben etwas, das nicht stimmt. Eine Theorie, die „nicht einmal falsch" ist, sagt gar nichts: Sie ist so gebaut, dass keine Beobachtung und kein Argument sie berühren kann.
Parfits nicht-realistischer Kognitivismus ist nicht einmal falsch. Er führt eine zweite Ebene der Wirklichkeit ein und nennt sie „nicht-ontologisch". Er schirmt seine Kernbegriffe per Definition gegen Kritik ab. Er verlangt einen Erkenntniszugang, der logisch unmöglich ist. Sein Ausschlussargument operiert in einem offenen Raum und setzt dabei genau die Mooresche Begriffssetzung voraus, die es zu beweisen vorgibt. Und er widerspricht sich in dem Moment, in dem er Handlungsrelevanz beansprucht.
On What Matters umfasst knapp zweitausend Seiten. Man kann den Fleiß und die Arbeitsmoral loben, die hinter einem solchen Projekt stecken. Aber das wäre ungefähr so, wie den Konstrukteur eines Flugzeugs für dessen ausgezeichnete Schwimmeigenschaften zu loben – auch wenn es nicht fliegen kann.
Quellenverzeichnis
- Albert, Hans (1991). Traktat über kritische Vernunft. Mohr Siebeck. (Original work published 1968)
- Bedke, Matthew (2019). What Normativity Cannot Be. Journal of Ethics and Social Philosophy, 16(1), 1–25.
- Bunge, Mario (1989). Treatise on Basic Philosophy. Volume 8: Ethics: The Good and the Right. D. Reidel Publishing Company.
- Bunge, Mario & Mahner, Martin (2004). Über die Natur der Dinge. S. Hirzel Verlag.
- Hahn, Hans (1933). Logik, Mathematik und Naturerkennen. Einheitswissenschaft, Bd. 2. Gerold & Co.
- Moore, George Edward (1903). Principia Ethica. Cambridge University Press.
- Parfit, Derek (2011). On What Matters, Vols. 1–2. Oxford University Press.
- Parfit, Derek (2017). On What Matters, Vol. 3. Oxford University Press.
- Popper, Karl (1959). The Logic of Scientific Discovery. Hutchinson. (Original work published 1934)
- Quine, Willard Van Orman (1951). Two Dogmas of Empiricism. The Philosophical Review, 60(1), 20–43.
- Sagan, Carl (1995). The Demon-Haunted World: Science as a Candle in the Dark. Random House.
- Schlick, Moritz (1930). Gibt es ein materiales Apriori? Wissenschaftlicher Jahresbericht der Philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien.