Die zwei Dogmen von Königsberg-7
Warum die Menschenwürde unantastbar ist, der kategorische Imperativ kategorisch richtig ist, aber beide nichts über die Realität aussagen.
Dies ist der erste Teil einer zweiteiligen Kant-Kritik. Der zweite Teil — So frei wie ein Bratenwender — behandelt Kants synthetische Urteile a priori, seine akausale Willensfreiheit und die Frage, warum der angebliche Aufklärer das Wissen aufheben musste, um zum Glauben Platz zu bekommen.
Auf dem dritten Planeten des Doppelsternsystems Königsberg-7 lebte eine Zivilisation, die ein bemerkenswertes Problem gelöst hatte: Sie hatte eine Ethik entwickelt, die unter keinen Umständen an der Wirklichkeit scheitern konnte. Nicht weil sie besonders gut war, sondern weil sie so konstruiert war, dass die Wirklichkeit bei moralischen Fragen grundsätzlich nicht zuständig war. Die Moral stammte aus der reinen Vernunft. Die Wirklichkeit war empirisch. Und zwischen beiden verlief eine Grenze, die zu überschreiten als logisch unmöglich galt.
Die Zivilisation von Königsberg-7 hatte zwei Dogmen. Das erste lautete: Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit als allgemeines Gesetz gelten könne. Das zweite: Jedes vernunftbegabte Wesen besitze eine innere Würde, die unantastbar sei. Beide Dogmen hatten eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie waren immun gegen jeden Einwand. Das erste, weil es nichts sagte, dem man hätte widersprechen können. Das zweite, weil es so definiert war, dass keine Beobachtung es berühren konnte. Die Philosophen von Königsberg-7 betrachteten diese Eigenschaft als Stärke. Die Physiker betrachteten sie als Warnsignal, wurden aber in ethischen Fragen nicht gehört, weil sie „bloß empirisch" arbeiteten.
Dann kamen die Vogonen, um den Planeten zu sprengen. Angeblich wegen einer Hyperraum-Umgehungsstraße, tatsächlich um den Ruf einiger galaktischer Psychologen zu retten, die in einem peer-reviewten Journal behauptet hatten, der Planet sei unbewohnt. Die Königsberger kannten den Abschaltcode für die Sprengladungen. Die Vogonen fragten, ob sie ihn kennen. Eine einzige Notlüge hätte den Planeten gerettet. Die Ethik der Königsberger verbot das Lügen. Kategorisch. Auch wenn der Fragende selbst log. Auch wenn die gesamte Zivilisation auf dem Spiel stand.
Die Königsberger sagten die Wahrheit. Die Vogonen sprengten den Planeten.
Die letzten Worte der Zivilisation, aufgezeichnet von einem vorbeifliegenden Händler: „Aber wir haben moralisch korrekt gehandelt." Der Händler notierte in sein Logbuch: „Haben sie. Nur genützt hat es niemandem. Nicht einmal Gott — den es auch nicht gibt."
Per Anhalter durch die Galaxis vermerkt dazu lakonisch: „Es war die einzige bekannte Zivilisation, die sich selbst auslöschte, indem sie ihre eigene Ethik konsequent befolgte. Die meisten Zivilisationen schaffen das nur mit ihrer Wirtschaftspolitik."
Auf der Erde heißt diese Ethik der kategorische Imperativ, ihr Urheber Immanuel Kant, und ihre Überreste stecken in sämtlichen westlichen Verfassungen. Die Frage ist nicht, ob Kant historisch bedeutend war — die historische Bedeutung des Aderlasses steht auch nicht zur Debatte. Die Frage ist, ob seine Ethik funktioniert.
Das erste Dogma: Kategorisch richtig und vollständig leer
Das berühmteste Restaurant auf Königsberg-7 hieß „Zum Kategorischen Imperativ". Es war insofern bemerkenswert, als es kein Essen servierte. Man ging hinein, setzte sich, legte sein eigenes Sandwich auf den Tisch, und der Kellner prüfte, ob es gegen irgendwelche Hygienevorschriften verstieß. Wenn nicht, durfte man es essen. Das Restaurant hatte keine Speisekarte, keine Küche und keinen Koch — aber fünf Sterne und eine Auszeichnung für moralische Exzellenz. Per Anhalter vermerkt: „Verhungert ist dort noch niemand, aber nur weil die Gäste ihr Essen selbst mitbrachten."
Kants Universalisierungsformel — „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde" (Kant, 1785, AA IV, 421) — funktioniert exakt so. Sie sagt nicht, was man tun soll. Sie prüft nur, ob das, was man ohnehin schon will, widerspruchsfrei verallgemeinerbar ist. Hegel hat das 1821 gesehen: Aus der reinen Form der Verallgemeinerbarkeit lässt sich jeder beliebige Inhalt ableiten, solange er konsistent universalisierbar ist (Hegel, 1821, §135). Der kategorische Imperativ ist ein Sieb ohne Maschen. Der kategorische Imperativ ist kategorisch richtig — denn er sagt nichts, dem man widersprechen könnte. Das ist sein Problem, nicht seine Stärke.
Ein Sollenssatz hat Gehalt nur relativ zu einem Ziel — das ist die Grundstruktur jedes Sollenssatzes, der je funktioniert hat. Fehlt das Ziel, macht der Satz keine Behauptung über die Wirklichkeit, die an der Wirklichkeit scheitern könnte. Wolfgang Pauli nannte solche Aussagen not even wrong (vgl. Peierls, 1960, S. 186).
Das Bezeichnende ist: Kant hielt die funktionierende Struktur in Händen. Sein hypothetischer Imperativ — wer einen Zweck will, soll die geeigneten Mittel ergreifen — ist zielrelativ, prüfbar und kritisierbar. Kant verwarf ihn als bloße „Klugheitsregel" und ersetzte ihn durch eine Formel, die universell, absolut und vollständig leer ist.
Daneben behauptet Kant, seine zweite Formulierung — „Handle so, daß du die Menschheit jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest" (Kant, 1785, AA IV, 429) — sei mit der ersten äquivalent. Sie ist es nicht: Die erste ist rein formal, die zweite schmuggelt mit der „Menschenwürde" einen inhaltlichen Maßstab ein, der aus der ersten nicht folgt.
Außerdem beansprucht der kategorische Imperativ kontextfreie Geltung — das ist es, was „kategorisch" bedeutet. Nassim Taleb identifiziert das allgemeine Prinzip: Regeln mit absolutem Geltungsanspruch erzeugen Fragilität, weil sie lokale Anpassungsfähigkeit eliminieren (Taleb, 2012). Karl Popper hat das methodische Kriterium formuliert, das hier greift — das Verbot der Kritikimmunisierung: Keine Theorie darf so konstruiert sein, dass keine Erfahrung sie widerlegen kann (Popper, 1934/1959, S. 82). Der kategorische Imperativ streicht die Randbedingungen aus der Gleichung und immunisiert die Norm gegen die Wirklichkeit.
Das zweite Dogma: Unantastbar, weil unangreifbar
Die Verfassung von Königsberg-7 beruhte auf einem einzigen Axiom: Jedes vernunftbegabte Wesen besitze eine „innere Würde" — eine intrinsische, unbedingte, kontextunabhängige Eigenschaft, die es über jeden Preis erhebe. Diese Würde war unantastbar, unhinterfragbar und unfalsifizierbar. Wer nach ihrer Begründung fragte, wurde darauf hingewiesen, dass sie keiner bedürfe. Wer fragte, wie man Selbstevidenz von bloßer Behauptung unterscheide, galt als philosophisch unreif. Per Anhalter fasst zusammen: „Das Axiom der Menschenwürde auf Königsberg-7 war das philosophische Äquivalent eines ‚Bitte nicht stören’-Schildes — nicht an einer Tür, sondern an einem Argument."
Kants Zweck-an-sich-Formel stützt sich auf genau diesen Begriff: Der Mensch als Selbstzweck, ausgestattet mit einem „inneren Wert". Das Konzept geht auf Pico della Mirandolas Oratio de hominis dignitate (1486) zurück. Kant säkularisierte die Idee, behielt die Struktur bei.
Die Menschenwürde ist tatsächlich unantastbar — aber nicht, weil sie so fundamental wäre, sondern weil sie gegen jede Kritik immunisiert ist. Sie scheitert vierfach:
Erstens ist sie dogmatisch gesetzt. Hans Albert hat im Münchhausen-Trilemma gezeigt, dass jeder Versuch einer Letztbegründung in eine von drei Sackgassen führt: infiniter Regress, logischer Zirkel oder dogmatischer Abbruch (Albert, 1968/1991, S. 15). Die Menschenwürde ist die dritte Sackgasse.
Zweitens ist sie empirisch unprüfbar. Keine Beobachtung könnte zeigen, dass der Mensch keine „innere Würde" besitzt, weil der Begriff so bestimmt ist, dass er von keiner empirischen Gegebenheit abhängt. In Paulis Sinn not even wrong.
Drittens verstößt sie gegen Sollen impliziert Können: Was nicht geleistet werden kann, kann nicht gefordert werden (Albert, 1968/1991). Jeden Menschen gleichermaßen als Selbstzweck zu behandeln ist psychologisch und praktisch nicht leistbar. Die Forderung ist strukturell identisch mit dem christlichen Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" — das seinen Ursprung in religiöser Offenbarung hat, nicht in rationaler Begründung. Kant hat die christliche Nächstenliebe nicht begründet, sondern säkularisiert.
Viertens beruht sie auf einer falschen Prädikationsform. Wert ist, wie Mario Bunge und Martin Mahner zeigen, ein relationales Prädikat: Etwas ist wertvoll für ein Subjekt, relativ zu einem Ziel, unter gegebenen Umständen (Bunge, 1989; Bunge & Mahner, 2004, S. 173). „Würde an sich" hypostasiert eine Relation zu einer intrinsischen Qualität. Schildkröten bis ganz nach unten, nur dass die Schildkröten imaginär sind.
Artikel 1 des Grundgesetzes sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar." Stimmt. Man könnte diesen Satz ersatzlos streichen und es würde inhaltlich nichts ändern — denn ein Satz, der an keiner möglichen Erfahrung scheitern kann, hat keinen empirischen Gehalt. Er steht da wie eine Überschrift über einem leeren Kapitel. Das Problem ist nicht der Satz — das Problem ist, dass auf seiner Grundlage ganze Rechtsordnungen errichtet werden.
Und jetzt?
Es gibt eine Alternative. Sie besteht nicht darin, Ethik aufzugeben, sondern darin, sie so ernst zu nehmen, dass sie an der Wirklichkeit scheitern kann. Sollenssätze haben Gehalt nur als zielrelative, empirisch prüfbare Förderbehauptungen. Das oberste Ziel ist nicht frei wählbar, sondern teleonomisch rekonstruierbar — die Evolutionstheorie identifiziert Linienfitness als dasjenige Ziel, auf das jedes Lebewesen durch Selektionsgeschichte ausgerichtet ist. Ethiken, deren Befolgung systematisch gegen Linienfitness arbeitet, werden durch die Realität widerlegt — Populationen, die ihnen folgen, verschwinden. Genau wie die Königsberger.
Die Grundlage dafür lege ich in meinem Paper Die Lösung des Sein-Sollen-Problems und in meinen dem Beitrag Humes Sein-Sollen-Problem und seine Lösung nachgelesen werden.
Der nächste Beitrag — So frei wie ein Bratenwender — zeigt, warum Kants Projekt von Anfang an nicht Aufklärung war, sondern deren Gegenteil.
Oder, wie am Ende des Universums im Restaurant bei einem pangalaktischen Donnergurgler formuliert wurde: „Das Problem mit der Moral war nie, dass es keine Antworten gab. Das Problem war, dass man Antworten fand, die an nichts scheitern konnten, und das dann für eine Stärke hielt."
Quellenverzeichnis
Albert, H. (1991). Traktat über kritische Vernunft. Mohr Siebeck. (Ursprünglich erschienen 1968)
Bunge, M. (1989). Treatise on Basic Philosophy. Volume 8: Ethics: The Good and the Right. D. Reidel.
Bunge, M. & Mahner, M. (2004). Über die Natur der Dinge. S. Hirzel.
Hegel, G. W. F. (1821). Grundlinien der Philosophie des Rechts. Nicolaische Buchhandlung.
Kant, I. (1785). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. J. F. Hartknoch.
Peierls, R. E. (1960). Wolfgang Ernst Pauli, 1900–1958. Biographical Memoirs of Fellows of the Royal Society, 5(1), 174–192.
Pico della Mirandola, G. (1486). Oratio de hominis dignitate.
Popper, K. R. (1959). The Logic of Scientific Discovery. Hutchinson. (Ursprünglich erschienen 1934)
Taleb, N. N. (2012). Antifragile: Things That Gain from Disorder. Random House.