So frei wie ein Bratenwender

Warum Kant akausale Willensfreiheit braucht, synthetische Urteile a priori unmöglich sind und der angebliche Aufklärer das Wissen aufheben musste, um zum Glauben Platz zu bekommen.

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Dies ist der zweite Teil einer zweiteiligen Kant-Kritik. Der erste Teil — „Die zwei Dogmen von Königsberg-7" — behandelt den kategorischen Imperativ und die universelle Menschenwürde.

So frei wie ein Bratenwender

Die Zivilisation von Königsberg-7, deren Sprengung im ersten Teil dokumentiert wurde, ist inzwischen ausgestorben. Die galaktische Archäologie hat nie abschließend klären können, ob das Aussterben in irgendeinem Zusammenhang mit der Philosophie der Königsberger stand. Die Königsberger selbst hätten den Zusammenhang entschieden bestritten. Schließlich war ihre Philosophie nicht empirisch, und das Aussterben war es.

Was die Archäologen fanden, waren drei metaphysische Stützpfeiler, auf denen die gesamte Ethik ruhte. Das Fachgebiet der galaktischen Architekturkritik bezeichnet diese Bauweise als „invertierte Statik": ein Verfahren, bei dem die Tragfähigkeit eines Gebäudes davon abhängt, dass niemand es betritt.

Der Gnab Gansen

Die Philosophen der dritten Galaxie links vom Krebs-Nebel hatten ein Erkenntnisorgan entwickelt, das sie den „Gnab Gansen" nannten — ein mentales Instrument, das moralische Wahrheiten durch reine Innenschau enthüllte. Als man fragte, wie man prüfen könne, ob der Gnab Gansen funktioniert, erklärten sie, die Frage sei sinnlos, weil sie empirisch sei. Als man fragte, warum verschiedene Gnab Gansen verschiedene moralische Wahrheiten produzierten, erklärten sie, die abweichenden Gnab Gansen seien defekt. Als man fragte, wie man einen defekten von einem funktionierenden unterscheide, verwiesen sie auf den Gnab Gansen.

Die Zivilisation ist inzwischen ausgestorben. Ob das mit dem Gnab Gansen zusammenhing, konnte nie geklärt werden, weil die zuständige Untersuchungskommission ihre Ergebnisse ausschließlich per Gnab Gansen ermittelte. Per Anhalter durch die Galaxis empfiehlt den Planeten dennoch „für alle, die sich für die Architektur intellektueller Sackgassen interessieren. Man braucht allerdings einen Raumanzug."

Kants Ethik steht und fällt mit der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori, also Urteilen, die etwas Neues über die Welt aussagen und dennoch vor aller Erfahrung gelten sollen. A priori bedeutet: vor der Erfahrung. Kant versteht darunter die Bedingungen, die überhaupt erst Erkenntnis möglich machen: die Anschauungsformen Raum und Zeit sowie die zwölf Kategorien wie Kausalität, Substanz, Einheit und Vielheit. Aus diesen Bedingungen will er mehr ableiten als bloße Erfahrungsdaten, nämlich Aussagen über das Wesen der Dinge, die „Dinge an sich", die uns in der Erfahrung gerade nicht zugänglich seien.

Damit verlegt Kant Raum, Zeit und Kategorien ausschließlich ins Bewusstsein und nicht in die Realität selbst. Im Kern ist das eine Neuauflage der platonischen Trennung zwischen Erscheinung und eigentlicher Wirklichkeit. Nur heißt es bei Kant nicht mehr Ideenlehre, sondern Transzendentalidealismus. Auch die Einteilung der zwölf Kategorien in vier Dreiergruppen wirkt wie eine Fortsetzung jener alten Idealisierungen, die sich von den Pythagoräern über Platon und Plotin bis in den deutschen Idealismus ziehen.

Analytische Urteile wie „Alle Junggesellen sind unverheiratet" entfalten nur, was im Begriff bereits enthalten ist. Sie gelten a priori, sagen aber nichts über die Welt. Synthetische Urteile wie „Wasser kocht bei 100 °C auf Meereshöhe" sagen etwas über die Welt, setzen aber Erfahrung voraus. Kant behauptet nun eine dritte Form: Urteile, die zugleich gehaltserweiternd und erfahrungsunabhängig sind. Sein moralisches Gesetz soll ein solches Urteil sein; das Erkenntnisvermögen dafür nennt er praktische Vernunft.

Richtig ist, dass wir Strukturen mitbringen, die unserer individuellen Erfahrung vorausliegen. Falsch ist die Annahme, diese Strukturen existierten nur im Bewusstsein und nicht auch in der Wirklichkeit. Dass sie Bedingungen der Erkenntnis sind, beweist nicht, dass sie bloß subjektiv sind. Genau hier setzt die evolutionäre Erkenntnistheorie an: Was ontogenetisch a priori ist, also vor der Erfahrung des einzelnen Organismus liegt, ist phylogenetisch a posteriori, also Ergebnis der Stammesgeschichte (Vollmer, 1975). Unsere Erkenntnisstrukturen sind keine transzendentalen Geheimnisse, sondern evolutionär entstandene Anpassungen an reale Strukturen der Welt. Kants Apriori ist damit keine überempirische Instanz, sondern gespeicherte Empirie. Aus den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis folgt jedenfalls nicht, dass diese Strukturen nur im Geist existieren.

Moritz Schlick argumentiert 1918: Jedes Urteil ist entweder analytisch oder synthetisch; ein Urteil, das zugleich über Definitionen hinausgeht und von keiner Erfahrung berührt werden kann, wäre per Konstruktion gegen jede Prüfung immunisiert (Schlick, 1918/1925). Hans Hahn demonstriert 1933: Die Notwendigkeit mathematischer Sätze erklärt sich aus ihrer analytischen Natur; wer Notwendigkeit plus Welthaltigkeit will, bekommt beides nicht (Hahn, 1933). Quine zieht 1951 den Boden unter dem ganzen Arrangement weg: Selbst die strikte Trennung zwischen analytisch und synthetisch ist nicht haltbar (Quine, 1951).

Kant zeigt nirgendwo, wie die praktische Vernunft zu ihren Erkenntnissen gelangt. Er behauptet ein Erkenntnisorgan, dessen Urteil definitionsgemäß nicht an der Erfahrung scheitern kann. Dass die Quelle „Vernunft" heißt statt „Offenbarung", ändert an der Struktur nichts. Karl Popper nennt das Verfahren, ein Ergebnis vorzugeben und die Quelle für unantastbar zu erklären, Kritikimmunisierung — und formuliert das Verbot dagegen als methodische Grundregel (Popper, 1934/1959, S. 82). Man könnte auch sagen: Kants praktische Vernunft ist ein Gnab Gansen.

Das Institut für Bedingungsforschung

Die Universitäten von Königsberg-7 hatten eine Abteilung für „Bedingungsforschung". Dort wurde ausschließlich untersucht, unter welchen Bedingungen Erkenntnis möglich sei. In dreihundert Jahren produzierte die Abteilung 42.000 Abhandlungen über die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis, davon mehrere preisgekrönte Studien über die Bedingungen der Möglichkeit der Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Es war die bestfinanzierte Abteilung des Planeten, und sie hatte nie eine einzige Erkenntnis hervorgebracht.

Kants Philosophie beansprucht, die „Bedingungen der Möglichkeit" von Erkenntnis, Erfahrung und Moral zu beschreiben. Aus der Feststellung, dass moralisches Handeln Freiheit voraussetzt, folgt nicht, was man mit dieser Freiheit tun soll. Man kann nicht aus den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis Erkenntnis gewinnen — man kann daraus nur lernen, wie wir Erkenntnis erlangen können, nicht welche Erkenntnis wahr ist. Oder, weniger höflich: Es ist, als hätte man ein Institut gegründet, das ausschließlich erforscht, unter welchen Bedingungen man Klavier spielen kann. Die Bedingungen waren exzellent. Die Musik fehlte.

Dass Kant seiner Philosophie das Etikett „transzendental" voranstellt, ist dabei bemerkenswert. „Transzendental" heist etwas übersteigen. Kants Philosophie steht am Anfang des deutschen Idealismus — Fichte, Schelling, Hegel. Das ist kein Zufall. Es ist die konsequente Entfaltung einer Verwechslung: Rahmenbetrachtungen über das Erkennen für Erkenntnisse über die Welt zu halten.

Der Bratenwender

Die Bewohner von Königsberg-7 hatten eine Theorie der Freiheit. Sie lautete: Wenn unsere Freiheit nur die Freiheit von äußerem Zwang wäre, dann wären wir nicht besser als Bratenwender, die sich drehen, weil sie aufgezogen wurden. Also müsse unsere Freiheit von einer ganz anderen Art sein. Um das zu ermöglichen, teilten sie die Wirklichkeit in zwei Hälften: eine, in der Kausalität galt, und eine, in der sie es nicht tat. Die Moral wurde in die zweite Hälfte verlegt, zusammen mit der Freiheit, der Seele und einer beträchtlichen Menge unbeantworteter Fragen, die dort niemanden mehr störten. Die galaktische Architekturkritik bezeichnet dieses Verfahren als „metaphysische Steueroase".

In der Kritik der praktischen Vernunft schreibt Kant:

„…und wenn die Freiheit unseres Willens keine andere als die letztere wäre, so würde sie im Grunde nichts besser, als die Freiheit eines Bratenwenders sein, der auch, wenn er einmal aufgezogen worden, von selbst seine Bewegungen verrichtet." (KpV, AA V, 97)

Kant braucht also mehr als Bratenwenderfreiheit. Er behauptet, der Mensch erschaffe sich seinen Charakter selbst, ohne jede kausale Bestimmung von innen oder außen (KpV, AA V, 98). Dieser selbst erschaffene Charakter muss seinerseits ohne Kausalität zustande kommen — sonst wäre er selbst nicht frei.

Erstens widerspricht das den Naturwissenschaften: Kausalität ist eine Eigenschaft der Wirklichkeit, nicht eine Brille. Zweitens ist es widersprüchlich: Eine akausale Sphäre, die auf die kausale Welt einwirkt, ist ein Widerspruch — entweder wirkt etwas kausal, dann gehört es zur kausalen Ordnung, oder es wirkt nicht, dann kann es keine Handlungen verursachen. Drittens führt die Frage in ein Dilemma: Jede Willensentscheidung ist entweder durch Ursachen bestimmt — dann ist sie nicht frei. Oder sie entsteht ohne Ursachen — dann ist sie nicht frei, sondern zufällig. Schopenhauer fasst den Punkt: „Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will."

Kants Pflichtethik ist damit, nach seinen eigenen Kriterien beurteilt, tatsächlich nicht besser als die Philosophie eines Bratenwenders. Der Bratenwender dreht weiter, auch wenn das Fleisch längst brennt. Der kategorische Imperativ verlangt Wahrheit, auch wenn die Zivilisation daran zugrunde geht. Der Unterschied: Der Bratenwender funktioniert wenigstens, solange die Feder gespannt ist.

Der kosmische Notar

Die Königsberger hatten festgestellt, dass ihre Ethik ein Problem hatte: Pflichterfüllung und Wohlergehen fielen in der realen Welt dauerhaft auseinander. Die Lösung bestand nicht darin, die Ethik zu überprüfen, sondern darin, einen „kosmischen Notar" zu postulieren, der jede moralisch korrekte Handlung registrierte und am Ende der Zeit für Ausgleich sorgte. Als die Vogonen den Planeten sprengten, blieb die Frage, wem der kosmische Notar seine Aufzeichnungen vorlegen sollte. Die Antwort lautete: sich selbst. Die Philosophen betrachteten das als hinreichend. Die Physiker wurden nicht gefragt.

Kant hat dasselbe Problem bemerkt und dasselbe getan. In der Kritik der praktischen Vernunft:

„Moral also führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Menschen erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich der Endzweck des Menschen sein kann und soll." (KpV, AA V, 129)

Ein Philosoph konstruiert eine Ethik. Die Ethik funktioniert nicht ohne übernatürliche Garantie. Statt die Ethik zu überprüfen, postuliert er den Garanten. Die Philosophen der dritten Galaxie links vom Krebs-Nebel bezeichnen dieses Verfahren als „Reverse Occam": die konsequente Vermehrung metaphysischer Entitäten zur Rettung gescheiterter Theorien.

In der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft steht das Programm dann auch offen da: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." (KrV, B xxx)

Die Aufklärung

Dass derselbe Kant in „Was ist Aufklärung?" (1784) schreibt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" — verdient Beachtung. Man braucht nur in die sozialen Medien zu schauen: Jeder dort ist überzeugt, seinen Verstand zu gebrauchen. Flat-Earther benutzen ihren Verstand. Homöopathen benutzen ihren Verstand. Verschwörungstheoretiker aller Couleur benutzen ihren Verstand — mit einer Hingabe, die ihresgleichen sucht.

Was fehlt, ist ein methodisches Kriterium dafür, wie der Verstand zu gebrauchen ist — nämlich so, dass seine Ergebnisse an der Wirklichkeit scheitern können und man bereit ist, sie zu verwerfen, wenn sie es tun. Genau dieses Kriterium liefert Kant nicht. Er liefert das Gegenteil: eine Methode, Ergebnisse der Vernunft gegen die Wirklichkeit abzuschirmen.

Dass er sich das Etikett „Aufklärung" gibt, ändert daran so wenig wie die Tatsache, dass sich die Demokratische Volksrepublik Korea das Etikett „demokratisch" gibt.

Fazit

Zusammen mit den zwei Dogmen aus dem ersten Teil ergibt sich eine Ethik, die nichts über die Wirklichkeit sagt, aber in jeder westlichen Verfassung steckt. Die Grundlage einer Alternative lege ich in meinem Paper Die Lösung des Sein-Sollen-Problems.

Was die Bewohner von Königsberg-7 betrifft: Ihr Aussterben hat, wie gesagt, nachweislich nichts mit ihrer Philosophie zu tun. Es hat allerdings auch niemand das Gegenteil nachweisen können. Die Akten des kosmischen Notars waren leider nicht auffindbar.

Quellenverzeichnis

Albert, H. (1991). Traktat über kritische Vernunft. Mohr Siebeck. (Ursprünglich erschienen 1968)

Hahn, H. (1933). Logik, Mathematik und Naturerkennen. Verlag Gerold.

Kant, I. (1785). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. J. F. Hartknoch.

Kant, I. (1787). Kritik der reinen Vernunft. 2. Auflage. J. F. Hartknoch.

Kant, I. (1788). Kritik der praktischen Vernunft. J. F. Hartknoch.

Popper, K. R. (1959). The Logic of Scientific Discovery. Hutchinson. (Ursprünglich erschienen 1934)

Quine, W. V. O. (1951). Two Dogmas of Empiricism. The Philosophical Review, 60(1), 20–43.

Schlick, M. (1925). Allgemeine Erkenntnislehre. 2. Auflage. Verlag von Julius Springer. (Ursprünglich erschienen 1918)