Was ist Qualität?
Oder: Warum wir alle wissen, was wir nicht erklären können
Neulich stand ich in einem Baumarkt vor einem Regal mit Schraubenziehern. Dreiundzwanzig verschiedene Modelle, Preise zwischen 2,99 und 47 Euro. Ich nahm den billigsten in die Hand, dann den teuersten, und innerhalb von ungefähr drei Sekunden wusste ich: Der teure ist besser. Der Griff lag anders in der Hand, das Metall hatte ein anderes Gewicht, die Verarbeitung am Übergang zwischen Griff und Klinge war – ja, was eigentlich?
Ich stand da wie ein Idiot und versuchte zu verbalisieren, was ich gerade gespürt hatte. „Der fühlt sich einfach besser an" ist keine Erklärung, die einen Ingenieur befriedigen würde. „Höhere Qualität" verschiebt das Problem nur. Was genau hatte ich da eigentlich wahrgenommen?
Das ist das Ärgerliche an der Qualität: Wir erkennen sie sofort, aber wenn uns jemand fragt, was sie ist, stehen wir da wie ein Hund, der sein Herrchen nicht findet – wir wissen genau, dass etwas fehlt, können aber nicht sagen, was.
Der Geschmack und seine Grenzen
Die einfachste Antwort lautet natürlich: Qualität ist Geschmackssache. Fall erledigt, nächstes Thema.
Diese Antwort hat den Charme eines Fluchtwegs. Sie befreit uns von der lästigen Pflicht, nachzudenken. Dummerweise ist sie auch falsch.
Ich habe einen Freund, der trinkt ausschließlich Dosenbier einer Marke, die ich hier nicht nennen werde, weil ich nicht verklagt werden möchte. Nennen wir sie „Goldenes Elend". Er bevorzugt dieses Bier. Er mag es. Aber wenn ich ihn frage, ob es ein gutes Bier ist, sagt er: „Nein, natürlich nicht. Es ist billiges Zeug. Aber ich mag’s trotzdem."
Das ist interessant. Mein Freund unterscheidet offenbar zwischen dem, was er mag, und dem, was gut ist. Er hat Präferenzen und Qualitätsurteile, und die sind nicht identisch. Wenn Qualität nur Geschmack wäre, dürfte diese Unterscheidung nicht existieren.
Außerdem: Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Über Qualität streiten wir aber ständig. Wir führen Argumente an, wir verweisen auf Kriterien, wir überzeugen manchmal sogar andere Menschen. Das tut man nicht bei rein subjektiven Angelegenheiten. Niemand argumentiert ernsthaft, dass Vanilleeis objektiv besser sei als Schokoladeneis. Aber Menschen argumentieren durchaus, dass ein Steinway-Flügel objektiv besser sei als ein Plastik-Keyboard aus dem Spielzeugladen – und sie haben damit recht.
Die Bürokraten definieren
Die Internationale Organisation für Normung, kurz ISO, jene Institution, die auch dafür verantwortlich ist, dass Papier genau 210 mal 297 Millimeter groß ist (A4, für die Eingeweihten), hat sich der Qualitätsfrage angenommen. Das Ergebnis liest sich so:
„Qualität ist der Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale eines Objekts Anforderungen erfüllt." (ISO 2015)
Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu bemerken, dass er eigentlich nichts sagt. Er ist das sprachliche Äquivalent eines Hundes, der seinen eigenen Schwanz jagt: runde Bewegung, viel Energie, kein Fortschritt.
Das Problem ist offensichtlich: Woher kommen die „Anforderungen"? Wer legt sie fest? Und – hier wird es philosophisch kitzlig – wie bewerten wir, ob die Anforderungen selbst gut sind?
Wenn ich fordere, dass ein Auto von null auf hundert in unter drei Sekunden beschleunigen muss, und mein Auto schafft das, hat es dann „Qualität"? Nach ISO: ja. Aber was, wenn diese Anforderung unsinnig ist? Was, wenn ich ein Fahrzeug für den Stadtverkehr brauche, wo niemand jemals auf hundert beschleunigt?
Die ISO-Definition ist wie ein Rezept, das sagt: „Koche das Gericht so, dass es den Erwartungen entspricht." Schön und gut – aber was, wenn ich nicht kochen kann und meine Erwartungen sind, dass alles nach verbranntem Gummi schmeckt?
Der Mystiker verweigert
Robert Pirsig wurde in den Siebzigern berühmt mit einem Buch namens Zen and the Art of Motorcycle Maintenance (Pirsig 1974). Es ist eines jener Bücher, die jeder kennt und niemand zu Ende gelesen hat, wie Krieg und Frieden oder die Bedienungsanleitung einer IKEA-Kommode.
Pirsigs These zur Qualität lässt sich so zusammenfassen: Qualität existiert, sie ist fundamental, aber definieren kann man sie nicht. Jeder Versuch, sie in Worte zu fassen, verfehle ihr Wesen. Sie ist wie das Tao – wer darüber spricht, hat sie schon verloren. In seiner „Metaphysics of Quality" behandelt er Qualität als eine Art metaphysische Grundkategorie, die der Subjekt-Objekt-Unterscheidung vorausgeht.
Das ist natürlich ungemein bequem. Es erspart die ganze mühsame Arbeit der Begriffsklärung. Und es hat einen gewissen mystischen Charme, der bei Motorradfahrern mit philosophischen Neigungen gut ankommt.
Aber als Antwort ist es unbefriedigend. Es ist, als würde man fragen „Wie funktioniert das Herz?" und zur Antwort bekommen: „Das Herz ist ein Mysterium. Es pumpt, ja. Aber frag nicht wie. Das Pumpen transzendiert die Frage."
Wenn Qualität wirklich undefinierbar wäre, dann wäre unklar, wie wir jemals lernen könnten, sie zu erkennen. Wir müssten alle mit einem eingebauten Qualitätsdetektor geboren werden, einem metaphysischen Organ, das auf gute Schraubenzieher reagiert. Das erscheint mir weniger plausibel als die Annahme, dass Qualität ein komplexer, aber analysierbarer Begriff ist.
Warum wir urteilen können, ohne zu definieren
Hier muss ich kurz etwas verteidigen, das zunächst wie ein Widerspruch aussieht: Wir können Qualität beurteilen, ohne sie definieren zu können – und das ist kein Argument für ihre Undefinierbarkeit.
Denken Sie an Grammatik. Jeder Muttersprachler weiß, dass „Der Hund beißt den Mann" korrekt ist und „Mann der den beißt Hund" nicht. Dieses Wissen ist sicher, schnell und mühelos. Aber fragen Sie denselben Muttersprachler nach den Regeln der deutschen Satzstellung, und Sie bekommen bestenfalls vages Gestammel.
Das liegt nicht daran, dass es keine Regeln gibt. Es liegt daran, dass unser Gehirn zwei verschiedene Systeme hat: eines für schnelle Mustererkennung, eines für explizite Analyse. Das erste System lernt durch Beispiele und arbeitet weitgehend unbewusst. Das zweite System ist langsam, mühsam und braucht Kaffee.
Dass wir Qualität intuitiv erkennen, zeigt also nur, dass unser Mustererkenner trainiert wurde. Es zeigt nicht, dass keine expliziten Kriterien existieren. Die Kriterien sind da – sie wohnen nur in einem anderen Zimmer unseres Geistes, und die Tür ist manchmal schwer zu finden.
Auch Temperatur war einmal mysteriös
Es gab eine Zeit, da wussten die Menschen, was „warm" und „kalt" bedeutet, ohne die geringste Ahnung zu haben, was Temperatur physikalisch ist. Sie konnten sie fühlen, aber nicht erklären. Hätte man damals einen Pirsig gehabt, hätte er vielleicht geschrieben: „Wärme transzendiert die Ratio. Sie ist vor aller Subjekt-Objekt-Spaltung."
Dann kam die Thermodynamik und erklärte: Temperatur ist die mittlere kinetische Energie der Teilchen eines Systems. Plötzlich war der Begriff präzise, messbar, wissenschaftlich. Das intuitive Gefühl von „warm" wurde nicht entwertet – es wurde erklärt.
Ähnlich verhält es sich mit vielen Begriffen, die zunächst nur gefühlt wurden: Farbe, Geschwindigkeit, Kraft. Die Geschichte der Wissenschaft ist weitgehend die Geschichte der Präzisierung von Intuitionen. Warum sollte „Qualität" die große Ausnahme sein?
Was Qualität tatsächlich ist (Ein Vorschlag)
Nach diesem langen Anlauf endlich zur Sache. Ich behaupte: Qualität ist eine Relation, kein Ding.
Ein Gegenstand hat nicht „Qualität" wie er eine Farbe hat. Er hat Qualität für etwas, in einem Kontext, gemessen an einem Maßstab. Mein Schraubenzieher aus dem Baumarkt hat Qualität als Werkzeug zum Schraubendrehen. Als Mordwaffe wäre er mittelmäßig. Als Musikinstrument unbrauchbar.
Die Qualität eines Artefakts – sagen wir X – hängt ab von:
- Dem Ziel (was soll X leisten?)
- Dem Kontext (unter welchen Umständen?)
- Den Nebenbedingungen (was darf dabei nicht passieren?)
Und nun kommt der entscheidende Punkt: Qualität bemisst sich nicht an einem platonischen Ideal, sondern an der besten bekannten Lösung. Wenn ich wissen will, ob mein Messer gut ist, vergleiche ich es nicht mit einem perfekten Messer im Ideenhimmel, sondern mit den besten Messern, die tatsächlich existieren oder entworfen wurden.
Qualität ist der Abstand zur Referenz.
Das ist weniger poetisch als Pirsig, aber dafür brauchbar. Es erklärt, warum Qualitätsurteile revidierbar sind: Wenn jemand ein besseres Messer erfindet, sinkt die relative Qualität meines alten Messers, auch wenn es physisch identisch bleibt. Es erklärt, warum Experten oft übereinstimmen: Sie kennen bessere Referenzlösungen. Es erklärt sogar, warum Qualitätsurteile manchmal auseinandergehen: Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Referenzpunkte im Kopf.
Die formale Version (für die, die es genau wissen wollen)
Warnung: Der folgende Absatz ist ausschließlich für Berufsphilosophen mit einer außerordentlich hohen Toleranzgrenze für kognitiv verursachte Verwirrung bestimmt. In der Vergangenheit soll das Lesen formaler Definitionen zu starker Migräne, Übelkeit und in mindestens einem dokumentierten Fall zu Tourette-Syndrom geführt haben. Wir gehen davon aus, dass diese Symptome jeweils nur temporärer Natur waren – zur abschließenden Klärung dieser Frage wäre die Durchführung einer Longitudinalstudie gemäß den Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis erforderlich. Die Zustimmung der zuständigen Ethikkommission zu einem entsprechenden Forschungsvorhaben steht seit Einreichung des Erstantrags im Jahre 1953 aus; zuletzt wurde der Vorgang 1987 als „weiterhin anhängig" klassifiziert. Schadensersatzansprüche jeglicher Art – einschließlich, aber nicht beschränkt auf Verdienstausfall, Therapiekosten und beschädigte Weltanschauungen – sind ausgeschlossen. Das Weiterlesen erfolgt auf eigene Gefahr. Alle anderen verpassen hier nichts, was sie nicht bereits in verständlichem Deutsch gelesen haben. Springen Sie zum nächsten Abschnitt. Ich meine es ernst.
Sei’s drum, hier die Formale Definition:
Die Qualität eines Artefakts oder Verfahrens X ist der Grad, in dem X in einem Kontext K als Mittel geeignet ist, ein Ziel G unter den relevanten Nebenbedingungen C zu erreichen, gemessen als Abstand zwischen einer expliziten Referenzlösung R – dem besten derzeit bekannten oder entworfenen Vorgehen unter K und C – und der vorliegenden Realisierung von X.
Falls Sie das tatsächlich gelesen haben: Mein aufrichtiges Beileid. Ihr Gehirn wird sich höchstwahrscheinlich erholen, aber es kann einige Tage dauern. Sollten die Symptome länger als 48 Stunden anhalten, konsultieren Sie einen Philosophen Ihres Vertrauens. Oder besser: einen Arzt.
Was das für die Praxis bedeutet
Zurück zu meinem Schraubenzieher. Was hatte ich eigentlich gespürt, als ich den teuren in die Hand nahm?
Vermutlich eine Kombination aus: Ergonomie des Griffs (Ziel: komfortables Arbeiten), Passgenauigkeit von Griff und Klinge (Ziel: Haltbarkeit), Materialhärte (Ziel: keine Verformung unter Last), Oberflächenbeschaffenheit (Ziel: Griffigkeit bei Schweiß). Mein Mustererkenner hatte in Sekundenbruchteilen diese Merkmale mit gespeicherten Referenzen verglichen – anderen Schraubenziehern, die ich benutzt hatte – und ein Urteil gefällt.
Das Urteil war nicht mysteriös. Es war nur schnell.
Und der billige Schraubenzieher? Er scheitert an denselben Kriterien, nur in die andere Richtung. Er liegt schlecht in der Hand, die Klinge wird sich nach einigen Einsätzen verbiegen, der Griff wird rutschig wenn es warm wird. Er ist weiter entfernt von der Referenz.
Das ist alles. Keine Magie, keine Transzendenz, keine metaphysische Grundkategorie. Nur ein komplexer, aber analysierbarer Vergleich.
Coda
Es gibt einen schönen Satz, der Duke Ellington zugeschrieben wird: „If it sounds good, it is good" (Ellington 1957). Das ist wahr, solange man hinzufügt: „… und du weißt, wie gut klingen klingt."
Qualität ist erkennbar, aber sie ist auch lernbar. Wir werden nicht mit fertigen Qualitätsdetektoren geboren. Wir erwerben sie durch Erfahrung, durch Vergleich, durch das langsame Ansammeln von Referenzpunkten. Der Weinkenner hat nicht magische Geschmacksknospen – er hat viele Weine probiert und gelernt, Unterschiede zu bemerken und einzuordnen.
Pirsig hatte insofern recht, als Qualität sich einer schnellen, einfachen Definition entzieht. Aber daraus folgt nicht, dass sie undefinierbar ist. Sie ist nur komplex. Und Komplexität ist kein Grund zur Kapitulation – sie ist eine Einladung zum Nachdenken.
Ich habe übrigens den teuren Schraubenzieher gekauft. Er liegt immer noch gut in der Hand.
Quellenverzeichnis
Ellington, Duke (1957): Zitiert in „Ellington Jazz Story On Tonight". St. Louis Globe-Democrat, 8. Mai 1957, S. 11C. Verfügbar über: Wikiquote – Duke Ellington
ISO (2015): DIN EN ISO 9000:2015-11. Qualitätsmanagementsysteme – Grundlagen und Begriffe. Berlin: Beuth Verlag. Verfügbar über: DIN Media
Pirsig, Robert M. (1974): Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Values. New York: William Morrow & Company. Für Hintergrundinformationen siehe: Wikipedia – Zen and the Art of Motorcycle Maintenance sowie Wikipedia – Pirsig’s Metaphysics of Quality