Was ist Philosophie?

Was ist Philosophie?

Ein Versuch über die Selbstabschaffung eines Faches

Ein Plädoyer gegen die Beliebigkeit

Wer heute wissen will, was Philosophie ist, schlägt vielleicht auf Wikipedia nach. Was er dort findet, ist ernüchternd. Keine klare Definition, sondern eine Aneinanderreihung von Traditionen, Epochen, Schulen. Es gibt westliche Philosophie, östliche Philosophie, afrikanische Philosophie, feministische Philosophie, analytische und kontinentale Philosophie. Die Botschaft zwischen den Zeilen: Philosophie ist, was sich so nennt. Jede Tradition definiert für sich selbst, was sie unter dem Begriff versteht.

Das klingt tolerant, inklusiv, weltoffen. Aber es ist ein intellektueller Bankrott.

Der Selbstwiderspruch

Die Behauptung, Philosophie lasse sich nicht definieren, verdient genauere Betrachtung. Sie klingt bescheiden und tolerant. Sie ist ein logisches Desaster. Nehmen wir an, die Behauptung stimmt. Philosophie lässt sich nicht allgemeingültig definieren, weil jeder Philosophierende eine eigene Sicht entwickelt. Dann gilt: Jede Definition ist so gültig wie jede andere. Nehmen wir weiter an, ein gewisser Herr Müller philosophiert. Herr Müller sagt: „Philosophie ist ausschließlich das systematische Nachdenken über blaue Comicfiguren mit weißen Mützen. Alles andere ist keine Philosophie." Nach unserer Annahme hat Herr Müller recht. Es ist seine Sicht der Dinge, und die ist so gültig wie jede andere. Aber nun folgt etwas Interessantes. Nach Herrn Müllers Definition ist die Wikipedia-Definition keine Philosophie. Denn sie handelt nicht von Schlümpfen. Sie handelt von der Frage, was Philosophie sei – und das ist, nach Herrn Müller, keine philosophische Frage. Wir haben also eine Definition, die behauptet, alle Definitionen seien gleich gültig. Und wir haben eine Definition, die behauptet, nur eine einzige sei gültig. Nach der ersten Definition sind beide gleich gültig. Aber die zweite schließt die erste aus. Das ist ein Widerspruch. Die Position, die alle Positionen zulassen will, muss auch die Position zulassen, die nicht alle Positionen zulässt. Damit hebt sie sich selbst auf – wie ein Stuhl, dessen Beine aus Eis gefertigt sind, in einem geheizten Raum.

Die Konsequenz der Beliebigkeit

Wenn alles Philosophie ist, was sich so nennt, dann kann man Philosophen nicht von Scharlatanen unterscheiden. Dann ist der Esoteriker, der über „kosmische Energien" schwadroniert, genauso Philosoph wie Aristoteles. Dann ist der Ideologe, der seine Weltanschauung gegen jeden Einwand immunisiert, genauso Philosoph wie Popper. Dann ist jeder Schwurbler, der seine Gedanken „Philosophie" nennt, Teil der ehrwürdigen Tradition, die mit Thales begann.

Das Fach verliert jeden Maßstab. Und damit seine Existenzberechtigung. Wozu brauchen wir Philosophie, wenn sie nichts mehr von Nicht-Philosophie unterscheidet? Aber dann: Wozu Bücher lesen? Wozu Argumente prüfen, wenn jeder Blogger mit ausreichend Selbstbewusstsein denselben Anspruch erheben kann?

Die Antwort der Relativisten wäre vermutlich: Es gibt eben verschiedene Ansprüche, verschiedene Traditionen, verschiedene Wahrheiten. Aber das ist keine Antwort. Das ist die Kapitulation vor der Frage.

Wer „alles ist gültig" sagt, sagt auch: nichts unterscheidet sich von irgend etwas. Das ist nicht Toleranz. Das ist die Kapitulation des Denkens.

Zurück zum Ursprung

Die Griechen, die das Wort erfunden haben, sahen das anders.

Die Philosophie beginnt, soweit wir wissen, mit Thales von Milet. Seine Frage lautete: Woraus besteht die Welt? Seine Antwort – alles sei Wasser – ist falsch. Aber die Frage ist entscheidend. Sie richtet sich auf die Wirklichkeit, auf das, was ist, und sie sucht eine rationale Antwort. Anaximander, sein Schüler, fragte weiter: Woher kommt alles, und wohin geht es? Anaximenes fragte nach dem Grundprinzip der Veränderung. Heraklit untersuchte das Werden, Parmenides das Sein. Demokrit entwickelte eine Atomtheorie. Alle diese Denker stellten Fragen über die Welt – nicht über einen abgegrenzten Teilbereich, sondern über das Ganze. Dabei gab es keine Trennung zwischen Philosophie und dem, was wir heute Wissenschaft nennen. Thales sagte eine Sonnenfinsternis voraus. Anaximander zeichnete die erste Weltkarte. Demokrit theoretisierte über den Aufbau der Materie. Das war Philosophie – und zugleich das, was später Astronomie, Geographie, Physik heißen würde. Die Unterscheidung existierte nicht, weil sie dem Wesen der Sache nach nicht existiert. Aristoteles brachte dieses Projekt in systematische Form. In der Nikomachischen Ethik bestimmt er Sophia – Weisheit – als die Verbindung von Nous und Episteme: Vernunfteinsicht in erste Prinzipien, verbunden mit systematischem Wissen, das sich daraus ableitet. Sophia ist rationales Wissen über „die ehrwürdigsten Gegenstände", womit er die grundlegenden Strukturen der Wirklichkeit meint. Und Aristoteles selbst schrieb über Physik, Biologie, Astronomie, Logik, Politik, Poetik – alles war Teil desselben Projekts. Damit haben wir ein Kriterium, das sich durch die gesamte Geschichte der Philosophie zieht: Philosophie bezieht sich auf die Wirklichkeit. Auf das, was ist. Umfassend, ohne Ausnahmen. Das schließt vieles aus. Nehmen wir an, jemand erforscht die Sozialstruktur der Schlumpfgesellschaft. Ist Papa Schlumpf ein demokratisch legitimierter Anführer oder ein wohlwollender Autokrat? Das sind durchaus komplexe Fragen. Aber sie sind keine philosophischen Fragen. Denn Schlümpfe existieren nicht. Wissen über Fiktionen ist kein Wissen über die Wirklichkeit – so wie eine noch so detaillierte Landkarte von Mittelerde kein geographisches Wissen darstellt.

Das Kriterium

Damit haben wir ein Kriterium. Philosophie ist die rationale Untersuchung der Wirklichkeit. Aber was heißt „rational"? Auch das ist eine philosophische Frage – und sie ist nicht trivial.

Hier kommt die bemerkenswerte Selbstreferenz der Philosophie ins Spiel. Philosophie fragt nicht nur nach der Welt, sondern auch nach den Bedingungen, unter denen wir die Welt erkennen können. Sie fragt: Was ist Erkenntnis? Was unterscheidet Wissen von Meinung, von Glauben, von Beliebigkeit? Wie können wir sicherstellen, dass unsere Aussagen über die Welt tatsächlich etwas mit der Welt zu tun haben?

Diese Fragen sind selbst philosophisch. Und die Antworten haben sich historisch entwickelt. Wir sind besser darin geworden, die Bedingungen rationaler Erkenntnis zu verstehen. Die Philosophie hat – in einem jahrhundertelangen Prozess der Selbstreflexion – ihre eigenen Maßstäbe geschärft.

Das beste Kriterium, das wir bisher gefunden haben, stammt aus dem kritischen Rationalismus. Und es lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Nichts darf sich gegen Kritik immunisieren.

Der kritische Rationalismus

Karl Popper erkannte, dass wir Aussagen über die Welt nicht verifizieren können. Wir können noch so viele weiße Schwäne beobachten – das beweist nicht, dass alle Schwäne weiß sind. Ein einziger schwarzer Schwan widerlegt die Aussage. Aber genau das ist der Punkt: Wir können Aussagen widerlegen. Nicht Verifizierbarkeit ist das Kriterium für sinnvolle Aussagen über die Welt, sondern Falsifizierbarkeit.

Eine Aussage, die so formuliert ist, dass sie durch keine mögliche Beobachtung widerlegt werden könnte, sagt nichts über die Welt aus. Sie ist nicht falsch – sie ist leer. Sie immunisiert sich gegen die Wirklichkeit, indem sie sich gegen jeden möglichen Einwand absichert.

Hans Albert hat diesen Gedanken über die Wissenschaft hinaus erweitert. Das Immunisierungsverbot gilt nicht nur für empirische Theorien, sondern für jede Form von Erkenntnis. Wer behauptet, etwas zu wissen, muss angeben können, unter welchen Umständen er sich irren würde. Wer das nicht kann oder will, betreibt keine Erkenntnis – er betreibt Dogmatik.

Das Münchhausen-Trilemma

Aber woher wissen wir, dass der kritische Rationalismus das richtige Kriterium ist? Müsste er nicht selbst begründet werden?

Hier liegt eine tiefe Einsicht, die ebenfalls Hans Albert formuliert hat: das Münchhausen-Trilemma. Jeder Versuch, eine Aussage zu begründen, führt in eines von drei Problemen:

  1. Infiniter Regress: Die Begründung braucht selbst eine Begründung, die wiederum eine Begründung braucht – ad infinitum.

  2. Zirkel: Die Begründung setzt voraus, was sie begründen soll.

  3. Abbruch: Man bricht die Begründungskette irgendwo ab und erklärt eine unbegründete Aussage zum Fundament.

Es gibt keinen Ausweg aus diesem Trilemma. Letztbegründung ist unmöglich. Das gilt für jede Position – auch für den kritischen Rationalismus selbst.

Aber der kritische Rationalismus ist die einzige Position, die das anerkennt. Er beansprucht keine Letztbegründung. Er sagt: Wir haben keine Gewissheit, aber wir haben Kritik. Wir können unsere Theorien, unsere Überzeugungen, unsere Methoden der Prüfung unterziehen. Wir können Fehler finden und korrigieren. Wir können besser werden.

Das ist keine Schwäche, sondern die einzig intellektuell redliche Position. Wer Gewissheit beansprucht, wo es keine geben kann, betrügt sich selbst – oder andere.

Beispiele der Immunisierung

Diese Überlegungen bleiben abstrakt, solange wir keine Beispiele betrachten. Aber die Beispiele sind zahlreich – und sie stammen oft aus dem Herzen dessen, was sich „Philosophie" nennt.

Nehmen wir Hegel. Seine Dialektik ist so konstruiert, dass Widersprüche nicht Einwände sind, sondern Bestätigungen. Wenn jemand sagt: „Das ist widersprüchlich", antwortet der Hegelianer: „Natürlich, die Wirklichkeit ist dialektisch." Der Widerspruch wird zum Beweis. Damit ist das System gegen jede Kritik immunisiert. Es kann nicht widerlegt werden – nicht, weil es wahr ist, sondern weil es so gebaut ist, dass es jeden Einwand absorbiert.

Oder Heidegger. Seine Sprache ist so dunkel, so voller Neologismen und scheinbarer Tiefe, dass man nie sicher sein kann, ob man ihn verstanden hat. Kritik wird abgewehrt mit dem Hinweis, der Kritiker habe nicht tief genug gedacht, sei im „Man" verfangen, habe das „Sein" nicht „vernommen". Das ist keine Philosophie. Das ist eine Immunisierungsstrategie, verkleidet als Profundität.

Oder die Postmoderne in all ihren Spielarten. Derrida, Foucault, Lyotard. Wenn alles Text ist, alles Interpretation, alles Machtdiskurs – dann gibt es keine Aussagen mehr über die Wirklichkeit, nur noch Perspektiven. Wer sagt: „Das ist falsch", beweist damit nur, dass er im Machtdiskurs gefangen ist. Wer sagt: „Das ist widersprüchlich", hat nicht verstanden, dass Kohärenz nur ein westliches Konstrukt ist.

Das ist nicht eine andere Philosophie. Das ist die Negation von Philosophie. Es ist Anti-Sophia: nicht Liebe zur Weisheit, sondern Auflösung jedes Wahrheitsanspruchs. Das Ergebnis ist nicht Erkenntnis, sondern Unerkenntbarkeit. Nicht Wissen, sondern Beliebigkeit.

Die Ironie der Inklusion

Damit sind wir zurück bei der Wikipedia-Definition und ihrer vermeintlichen Weltoffenheit. Man will kulturellen Eurozentrismus vermeiden. Es soll nicht nur westliche Philosophie geben, sondern auch östliche, afrikanische, indigene Philosophie. Das klingt fair, respektvoll, inklusiv.

Aber was passiert tatsächlich? Wenn jede Tradition für sich definiert, was Philosophie ist, dann ist auch die westliche Tradition nur eine unter vielen. Ihre Kriterien – Rationalität, Konsistenz, Falsifizierbarkeit – gelten dann nur für sie selbst. Andere Traditionen können andere Kriterien haben. Oder gar keine.

Das Ergebnis ist das genaue Gegenteil von dem, was man wollte. Statt echtem interkulturellem Dialog – der voraussetzen würde, dass es etwas Gemeinsames gibt, an dem man Aussagen messen kann – bekommt man ein Nebeneinander von inkommensurablen Traditionen. Die westliche Philosophie sagt: „Das ist rational begründet." Die andere Tradition sagt: „Bei uns gilt das nicht." Ende des Dialogs.

Echter Respekt vor anderen Traditionen würde bedeuten, sie ernst zu nehmen – ihre Aussagen zu prüfen, zu kritisieren, zu diskutieren. Das setzt voraus, dass es Maßstäbe gibt, die für alle gelten. Der Relativismus macht das unmöglich. Er ist nicht respektvoll, sondern gleichgültig. Er sagt im Grunde: „Eure Tradition ist eure Sache, unsere ist unsere Sache." Das ist keine Brücke, das ist eine Mauer.

Philosophie umfasst alles – aber nicht alles ist Philosophie

Verstehen wir uns nicht falsch. Die hier vertretene Definition ist nicht einschränkend, sondern befreiend. Sie sagt nicht: Philosophie beschäftigt sich nur mit bestimmten „großen Fragen". Sie sagt: Jede Frage über die Wirklichkeit, rational behandelt, ist philosophisch.

Das bedeutet: Die empirischen Wissenschaften sind Teil der Philosophie. Das war in der Antike selbstverständlich. Physik war „Naturphilosophie", Biologie und Medizin gehörten zum philosophischen Kanon. Erst in der Neuzeit hat sich die Wissenschaft von der Philosophie emanzipiert – oder besser: abgespalten. Diese Trennung ist ein historischer Unfall, kein notwendiges Verhältnis.

Wissenschaft ist empirische Philosophie. Sie untersucht die Wirklichkeit mit den Mitteln der Beobachtung und des Experiments. Aber sie braucht Grundlagen, die selbst nicht empirisch sind: Logik, Erkenntnistheorie, Methodenlehre. Und sie produziert Ergebnisse, die interpretiert werden müssen: Was bedeutet die Quantenmechanik für unser Verständnis von Kausalität? Was bedeutet die Evolutionsbiologie für unser Verständnis von Zweck und Funktion? Das sind philosophische Fragen.

Der Physiker, der über die Interpretation seiner Theorien nachdenkt, philosophiert. Der Biologe, der fragt, was „natürliche Selektion" eigentlich bedeutet, philosophiert. Der Neurowissenschaftler, der das Verhältnis von Gehirn und Geist untersucht, philosophiert. Die Grenzen sind fließend, weil es im Grunde keine Grenzen gibt – nur Arbeitsteilung.

Aber – und das ist der entscheidende Punkt – das Kriterium bleibt. Rationale Untersuchung der Wirklichkeit. Aussagen, die sich prüfen lassen. Kritik, die nicht abgewehrt, sondern beantwortet wird. Wer das nicht tut, betreibt keine Philosophie, egal wie er sich nennt.

Schluss: Die Würde der Philosophie

Die Philosophie hat eine Würde, die sie sich nicht nehmen lassen sollte. Sie ist das älteste intellektuelle Unternehmen der Menschheit: der Versuch, die Welt zu verstehen und in diesem Verständnis besser zu werden. Von Thales, der fragte, woraus alles besteht, bis zu den heutigen Debatten über Bewusstsein, freien Willen, künstliche Intelligenz – immer ging es darum, die Wirklichkeit rational zu durchdringen.

Dieser Anspruch ist anspruchsvoll. Er verlangt Klarheit, Redlichkeit, die Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Er verlangt, dass man angibt, woran man scheitern würde. Er verlangt, dass man Kritik als Geschenk betrachtet, nicht als Angriff.

Das schließt viel aus, was sich heute „Philosophie" nennt. Es schließt die Systembauer aus, die ihre Gedankengebäude gegen jeden Einwand abdichten. Es schließt die Sprachakrobaten aus, die Dunkelheit für Tiefe halten. Es schließt die Relativisten aus, die den Wahrheitsanspruch selbst für einen Machtdiskurs halten.

Aber es schließt viel ein. Es schließt jeden ein, der sich ehrlich um Erkenntnis bemüht – ob an der Universität oder außerhalb, ob in der westlichen Tradition oder in einer anderen, ob Berufsphilosoph oder interessierter Laie. Das Kriterium ist nicht der akademische Titel, nicht die kulturelle Herkunft, nicht die Zugehörigkeit zu einer Schule. Das Kriterium ist: Suchst du Erkenntnis über die Wirklichkeit? Bist du bereit, dich korrigieren zu lassen?

Wenn ja, dann bist du Philosoph. Wenn nein – dann nenne dich, wie du willst. Aber beanspruche nicht den Namen einer Tradition, die du verrätst.