Wie ich empfehlen würde, Philosophie zu lesen
Warum ich weder die Klassiker noch die bekannten zeitgenössischen Werke an den Anfang stellen würde, auch wenn sie ihren Platz in der Liste finden. Und wo ich stattdessen empfehlen würde anzufangen und warum genau dort.
Eine Leseliste für kritisches Denken
Die übliche philosophische Leseliste beginnt oft bei Platon, führt über Aristoteles, Descartes, Hume und Kant und arbeitet sich anschließend durch die Philosophiegeschichte bis zur Gegenwart. Für einen historischen Überblick ist das nachvollziehbar. Als Einstieg in philosophisches Denken halte ich diese Reihenfolge für wenig sinnvoll.
Wer Platon, Kant, Nietzsche oder irgendeinen anderen bedeutenden Philosophen liest, steht bereits vor einem erkenntnistheoretischen Problem. Wie kann ich beurteilen, ob das Argument stimmt? Welche Voraussetzungen werden gemacht? Was würde gegen eine Behauptung sprechen? Welche Beobachtung könnte sie widerlegen? Handelt es sich überhaupt um eine überprüfbare Aussage? Verwechsle ich eine überzeugende Formulierung mit einem guten Argument? Welche Rolle spielen meine eigenen Intuitionen und Denkfehler?
Diese Fragen sollte man möglichst früh kennenlernen.
Deshalb beginnt diese Liste mit Erkenntnistheorie, Argumentation und wissenschaftlicher Methodik. Danach folgen Ontologie und naturwissenschaftliche Grundlagen. Anschließend kommen Evolution, Verhaltensforschung, Psychologie, Wahrscheinlichkeit und Spieltheorie. Erst auf dieser Grundlage würde ich einen Anfänger systematisch auf die klassischen philosophischen Texte loslassen.
Das bedeutet keineswegs, dass man vor Aristoteles erst zwanzig Bücher gelesen haben muss. Die Stufen können sich überschneiden. Einige Texte lassen sich parallel lesen. Entscheidend ist die Richtung. Man sollte sich möglichst früh Werkzeuge aneignen, mit denen man das Gelesene selbst beurteilen kann.
Auch muss man Bücher nicht wie Romane vollständig von der ersten bis zur letzten Seite lesen. Bei Popper halte ich beispielsweise einige Kapitel für wesentlich wichtiger als andere. Ein philosophisches Buch darf auch ein Arbeitsmittel sein. Man kann Abschnitte lesen, Begriffe nachschlagen, zurückspringen und später zu anderen Kapiteln zurückkehren.
Schwierigkeit allein ist ebenfalls kein gutes Auswahlkriterium. Ein schwieriger Text kann für einen Anfänger sehr ergiebig sein, wenn er grundlegende Probleme verständlich macht und zum genauen Denken zwingt. Hans Alberts Traktat über kritische Vernunft ist dafür ein gutes Beispiel. Es ist kein besonders leicht geschriebenes Buch. Ich halte es dennoch für eine der wertvollsten Einstiegslektüren auf dieser Liste.
Stufe 1
Argumente, Irrtümer und intellektuelle Hygiene
1. Arthur Schopenhauer
Eristische Dialektik beziehungsweise Die Kunst, Recht zu behalten
Stufe: unmittelbare Grundlagen
Ein hervorragender kurzer Einstieg. Schopenhauer sammelt rhetorische und dialektische Verfahren, mit denen Menschen Diskussionen gewinnen können, obwohl ihre Position sachlich schlecht begründet ist.
Der Text ist deshalb wichtig, weil er von Beginn an zwei Dinge auseinanderzieht, die beim Lesen von Philosophie leicht miteinander verwechselt werden. Ein Autor kann brillant schreiben, rhetorisch überzeugen und einen Gegner geschickt in die Enge treiben. Daraus folgt noch nichts über die Wahrheit seiner Position.
Das ist auch eine gute Vorbereitung auf Autoren wie Platon oder Nietzsche. Beide können sprachlich außerordentlich überzeugend sein. Wer vorher verstanden hat, wie Argumentation und Überredung auseinanderfallen können, liest solche Autoren mit einem anderen Blick.
Der Text ist kurz und frei verfügbar. Ich würde ihn tatsächlich ganz an den Anfang stellen.
2. Richard Feynman
Cargo Cult Science
Stufe: unmittelbare Grundlagen
Dieser kurze Vortrag gehört für mich zu den besten Texten über wissenschaftliche Redlichkeit überhaupt.
Feynman beschäftigt sich mit Forschung, die alle äußeren Merkmale von Wissenschaft besitzt und dennoch methodisch versagt. Sein entscheidender Punkt betrifft die Bereitschaft, nach den Schwächen der eigenen Auffassung zu suchen. Man sollte relevante Gegenargumente und störende Befunde nicht verstecken. Man sollte sich selbst mindestens ebenso kritisch behandeln wie den Gegner.
Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist es außerordentlich schwierig.
Der Text eignet sich hervorragend als Vorbereitung auf Wissenschaftstheorie und kritischen Rationalismus. Er ist außerdem so kurz, dass es kaum einen Grund gibt, ihn auszulassen.
Das englische Original ist frei über Caltech verfügbar. Eine deutsche Übersetzung wurde ebenfalls in deutschen Feynman-Sammlungen veröffentlicht.
3. Carl Sagan
Der Drache in meiner Garage. Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven
Stufe: unmittelbare Grundlagen
Sagan führt ohne großen philosophischen Apparat in wissenschaftlichen Skeptizismus ein. Das berühmte Beispiel des unsichtbaren Drachen zeigt sehr anschaulich, wie eine Behauptung Schritt für Schritt gegen jede mögliche Prüfung immunisiert werden kann.
Das Buch behandelt außerdem Aberglauben, Pseudowissenschaft, Wahrnehmungsfehler und die Frage, welche Art von Belegen wir für außergewöhnliche Behauptungen verlangen sollten.
Für einen Anfänger ist das sehr wertvoll. Viele erkenntnistheoretische Probleme erscheinen hier zunächst in konkreter Form. Später kann man dieselben Probleme bei Popper, Albert und Bunge wesentlich systematischer behandeln.
Stufe 2
Erkenntnistheorie und kritischer Rationalismus
4. Hans Albert
Traktat über kritische Vernunft
Stufe: zentrale Grundlagen
Wenn ich aus dieser gesamten Liste nur wenige Bücher auswählen dürfte, wäre dieses dabei.
Albert behandelt die Frage, wie wir Überzeugungen begründen können, ohne in Dogmatismus, Zirkelschlüsse oder einen unendlichen Regress zu geraten. Das Münchhausen-Trilemma ist dabei nur der bekannteste Teil. Entscheidend ist die daraus entwickelte Alternative. Erkenntnis benötigt keine letztgültige Rechtfertigung. Theorien und Behauptungen müssen der Kritik ausgesetzt werden.
Damit verschiebt sich die erkenntnistheoretische Grundfrage. Wir suchen keine unerschütterlichen Fundamente. Wir suchen Fehler.
Das Buch behandelt außerdem wissenschaftliche Erklärung, Rationalität, Kritik, Dogmatismus und die Grenzen klassischer Begründungsprogramme. Viele Probleme, denen man später bei Kant, Hume, dem Positivismus oder moderner Metaethik begegnet, lassen sich danach wesentlich besser einordnen.
Albert schreibt teilweise unnötig kompliziert. Manche Seiten muss man zweimal lesen. Es lohnt sich trotzdem. Ein schwieriger Einstieg kann produktiver sein als ein leichtes Buch, das wenig methodisches Werkzeug liefert.
5. Karl Popper
Ausgewählte Kapitel aus Conjectures and Refutations
Stufe: zentrale Grundlagen
Conjectures and Refutations muss man für den Einstieg nicht vollständig lesen. Einige Teile halte ich jedoch für Pflichtlektüre.
Besonders wichtig sind diese Texte.
„Science: Conjectures and Refutations“
Hier erklärt Popper seine Grundidee ungewöhnlich kompakt. Wissenschaft arbeitet mit Vermutungen. Gute Theorien setzen sich dem Risiko des Scheiterns aus. Bestätigungen allein sind erkenntnistheoretisch schwach, weil sich für sehr viele Theorien scheinbare Bestätigungen finden lassen.
„On the Sources of Knowledge and of Ignorance“
Dieser Text ist wichtig für Poppers Angriff auf die Vorstellung, Wissen müsse aus einer privilegierten Quelle stammen. Beobachtung, Vernunft, Tradition oder Autorität liefern keine unfehlbare Grundlage. Entscheidend ist die Möglichkeit der Kritik.
Kapitel 8, Abschnitt 2, „The Problem of the Irrefutability of Philosophical Theories“
Diesen Abschnitt würde ich unbedingt lesen.
Popper stellt dort ein Problem heraus, das weit über sein bekanntes Abgrenzungskriterium für empirische Wissenschaft hinausgeht. Eine philosophische Theorie kann empirisch unwiderlegbar und trotzdem falsch sein. Unwiderlegbarkeit macht eine Theorie nicht wahr. Zwei miteinander unvereinbare Theorien können beispielsweise beide empirisch unwiderlegbar sein.
Damit entsteht die philosophisch viel interessantere Frage, wie nichtempirische Theorien rational kritisiert werden können. Für Philosophie ist dieser Punkt außerordentlich wichtig. Das einfache Schema „nicht falsifizierbar, also bedeutungslos“ entspricht Poppers Position gerade nicht.
Später zusätzlich „Truth, Rationality, and the Growth of Scientific Knowledge“
Hier wird die Verbindung zwischen Wahrheit, Kritik, Bewährung und Erkenntnisfortschritt weiter ausgearbeitet.
6. Karl Popper
Ausgewählte Kapitel aus Logik der Forschung
Stufe: Grundlagen mit höherem Anspruch
Auch hier würde ich für Anfänger keine vollständige Lektüre verlangen.
Besonders wichtig ist zunächst Kapitel 1. Dort behandelt Popper das Induktionsproblem, die deduktive Prüfung von Theorien, das Abgrenzungsproblem, Erfahrung als Methode und Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium.
Anschließend ist Kapitel 4 über Falsifizierbarkeit wichtig. Dort wird wesentlich genauer behandelt, was Falsifizierbarkeit überhaupt bedeutet und weshalb eine einzelne widersprechende Beobachtung noch keine mechanische Widerlegung einer komplexen Theorie darstellt.
Wer danach tiefer einsteigen möchte, kann sich mit Basissätzen, Bewährung, Wahrscheinlichkeit und weiteren Teilen des Buches beschäftigen.
Logik der Forschung sollte meines Erachtens als Arbeitsbuch gelesen werden. Man muss nicht jede technische Diskussion beim ersten Durchgang vollständig bearbeiten.
7. Karl Popper
Die offene Gesellschaft und ihre Feinde
Stufe: Grundlagen und Übergang zur politischen Philosophie
Dieses Werk ist trotz seines Umfangs in vielen Teilen erheblich leichter zu lesen als Logik der Forschung.
Für eine philosophische Grundausbildung ist besonders interessant, wie Popper seine Erkenntnistheorie auf Politik und Gesellschaft überträgt. Fehlbarkeit wird hier politisch relevant. Gesellschaftliche Institutionen sollten mit Irrtum rechnen und Korrekturen ermöglichen.
Besonders die erkenntnistheoretischen Teile gegen Ende des zweiten Bandes eignen sich gut als zugänglichere Ergänzung zu Logik der Forschung.
Nebenbei lernt man an diesem Buch auch, Philosophen kritisch zu lesen, die zu den größten Figuren des klassischen Kanons gehören. Popper behandelt Platon, Hegel und Marx keineswegs als Autoritäten, die man ehrfürchtig zu exegesieren hätte. Er fragt, welche Behauptungen sie tatsächlich aufstellen und welche Folgen daraus entstehen.
8. David Deutsch
Der Anfang der Unendlichkeit
Stufe: zugängliche Ergänzung zu Popper
Deutsch entwickelt viele Ideen des kritischen Rationalismus in moderner und sehr gut lesbarer Form weiter.
Im Zentrum stehen Probleme, Erklärungen, Fehlerkorrektur und der prinzipiell offene Charakter menschlicher Erkenntnis. Wissen wächst durch die Entwicklung besserer Erklärungen. Probleme sind dabei Ausgangspunkte neuen Wissens.
Ich teile keineswegs jede Schlussfolgerung Deutschs. Das ist für diese Liste auch nicht erforderlich. Das Buch eignet sich hervorragend, um poppersche Erkenntnistheorie in einer moderneren Sprache kennenzulernen und anschließend selbst kritisch weiterzudenken.
9. Pierre Duhem und W. V. O. Quine
Ausgewählte Texte zur Duhem-Quine-Problematik
Stufe: nach den ersten Popper-Texten
Hier reicht zunächst eine gezielte Lektüre.
Duhem zeigt am Beispiel physikalischer Theorien, dass experimentelle Prüfungen normalerweise nicht eine einzelne Hypothese isoliert betreffen. Theorien werden zusammen mit Hilfsannahmen, Messannahmen und Hintergrundwissen geprüft.
Quine radikalisiert diese Idee später und betrachtet größere Teile unseres Überzeugungssystems als zusammenhängendes Netz.
Das ist wichtig, weil es eine zu primitive Vorstellung von Falsifikation verhindert. Ein widersprechender Messwert sagt nicht automatisch, welcher Bestandteil eines theoretischen Systems falsch ist. Man muss prüfen, wo der Fehler wahrscheinlich liegt.
Die These sollte selbst kritisch gelesen werden. Besonders Quines weitreichende Verallgemeinerung ist keine erkenntnistheoretische Endstation. Als Problem gehört sie jedoch früh in die Ausbildung.
Stufe 3
Ontologie und naturwissenschaftliches Weltbild
10. Mario Bunge und Martin Mahner
Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft
Stufe: zentrale Grundlage nach der ersten Erkenntnistheorie
Philosophie benötigt nicht nur eine Theorie darüber, wie wir Wissen prüfen. Sie benötigt auch eine Vorstellung davon, worüber unsere Theorien überhaupt handeln.
Bunge und Mahner entwickeln eine wissenschaftsorientierte Ontologie. Im Mittelpunkt stehen konkrete Dinge, Eigenschaften, Zustände, Veränderungen, Systeme, Prozesse und Gesetzmäßigkeiten. Zugleich wird zwischen realen Dingen und begrifflichen Konstrukten unterschieden.
Das ist für viele philosophische Debatten äußerst hilfreich. Man kann danach wesentlich präziser fragen, welcher ontologische Status einer behaupteten Entität eigentlich zugeschrieben wird und welche Konsequenzen daraus folgen.
Für deutschsprachige Leser halte ich dieses Buch für den besten Einstieg in Bunges Denken. Bunges umfangreicher Treatise on Basic Philosophy geht sehr viel weiter, ist für eine Anfängerliste jedoch unnötig groß.
11. Stephen Hawking
Eine kurze Geschichte der Zeit
Stufe: naturwissenschaftliche Grundlagen
Ein Philosoph muss kein theoretischer Physiker sein. Grundlegende Kenntnisse über das moderne physikalische Weltbild halte ich dennoch für unverzichtbar.
Hawking führt in Kosmologie, Raumzeit, Relativität, Schwarze Löcher und die großen Fragen nach Ursprung und Entwicklung des Universums ein. Das Buch ist inzwischen selbst ein historischer Text der populären Physik. Einige Forschungsfragen haben sich seit seinem Erscheinen weiterentwickelt.
Als konzeptioneller Einstieg bleibt es sehr wertvoll. Viele philosophische Spekulationen über Zeit, Raum, Anfang, Determinismus oder Naturgesetze sehen anders aus, sobald man zumindest die physikalischen Grundlagen kennt.
12. Sabine Hossenfelder
Mehr als nur Atome
Stufe: nach elementaren physikalischen Grundlagen
Hossenfelder behandelt Fragen, die unmittelbar zwischen Physik und Philosophie liegen. Dazu gehören Zeit, Information, Naturgesetze, Determinismus, freier Wille und die Grenzen physikalischer Aussagen.
Das Buch ist relativ zugänglich. Einige physikalische Grundlagen helfen trotzdem.
Ich würde es insbesondere deshalb empfehlen, weil populäre Literatur über Quantenphysik schnell in spekulative Metaphysik oder regelrechte Quantenesoterik abrutscht. Bei einer Einsteigerliste würde ich sehr darauf achten, physikalische Ergebnisse und philosophische Interpretation auseinanderzuhalten.
John Gribbins Auf der Suche nach Schrödingers Katze würde ich aus diesem Grund heute nicht mehr auf eine solche Grundlagenliste setzen.
Stufe 4
Evolutionäre Erkenntnistheorie und der Mensch als biologisches Wesen
13. Gerhard Vollmer
Evolutionäre Erkenntnistheorie
Stufe: zentrale Grundlage
Nachdem man sich mit kritischem Rationalismus beschäftigt hat, stellt sich eine weitere Frage. Warum funktioniert unser Erkenntnisapparat überhaupt so gut, wie er funktioniert?
Vollmer betrachtet Wahrnehmung, Kategorien und Erkenntnisvermögen als Ergebnisse biologischer Evolution. Unsere kognitiven Strukturen entstanden in Wechselwirkung mit einer realen Umwelt.
Das erklärt zugleich ihre erstaunliche Leistungsfähigkeit und ihre Begrenztheit. Evolution produziert keine unfehlbaren Wissenschaftler. Sie produziert Organismen, deren Wahrnehmungs- und Denkmechanismen unter bestimmten Umweltbedingungen hinreichend erfolgreich waren.
Diese Perspektive ist für Erkenntnistheorie außerordentlich wichtig. Sie verbindet philosophische Fragen mit Biologie, Psychologie und Wissenschaftstheorie.
14. Konrad Lorenz
Die Rückseite des Spiegels
Stufe: Grundlagen und Ergänzung zu Vollmer
Lorenz behandelt ebenfalls die evolutionären Voraussetzungen menschlicher Erkenntnis. Wahrnehmung und Denken werden als Leistungen eines biologisch entstandenen Organismus betrachtet.
Das Buch ist philosophisch interessanter, als seine Einordnung unter Verhaltensbiologie vermuten lässt. Kategorien unseres Denkens erscheinen hier nicht als vom Organismus unabhängige Voraussetzungen. Sie besitzen eine Naturgeschichte.
Vollmer würde ich heute als systematischeren Einstieg wählen. Lorenz ist eine hervorragende Ergänzung.
15. Richard Dawkins
Das egoistische Gen
Stufe: biologische Grundlagen
Wer über Moral, Kooperation, Altruismus, Familie, Konflikt oder menschliche Sozialität nachdenken möchte, sollte grundlegende Evolutionstheorie verstehen.
Dawkins erklärt die genzentrierte Perspektive auf Evolution außerordentlich anschaulich. Besonders wichtig sind Verwandtenselektion, Konkurrenz, Kooperation und die Entstehung von Verhaltensweisen, die auf der Ebene des einzelnen Organismus zunächst altruistisch erscheinen können.
Das Buch liefert keine Ethik. Genau deshalb gehört es vor viele ethische Debatten. Es erklärt einen Teil der biologischen Voraussetzungen, aus denen moralische Intuitionen und soziale Verhaltensweisen überhaupt hervorgehen konnten.
16. Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung
Stufe: guter Einstieg in die Humanethologie
Dieses Buch bietet einen relativ kompakten Zugang zur Humanethologie. Es behandelt Aggression, Kooperation, Gruppenbildung, Konflikt und kulturelle Einflüsse aus verhaltensbiologischer Perspektive.
Für Philosophen ist Humanethologie keineswegs ein exotisches Spezialgebiet. Wer Aussagen über den Menschen, Moral, Gesellschaft oder politische Ordnung macht, sollte wissen, was über menschliches Verhalten empirisch bekannt ist.
Als Einstieg würde ich dieses Buch vor Eibl-Eibesfeldts großem Hauptwerk lesen.
17. Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie
Stufe: Vertiefung, für Philosophie des Menschen besonders wichtig
Das ist ein großes wissenschaftliches Werk. Es ist trotzdem erstaunlich gut lesbar.
Eibl-Eibesfeldt behandelt menschliche Universalien, Sozialverhalten, Bindung, Aggression, Rangordnung, Kommunikation, Sexualität, Gruppenverhalten und kulturelle Variation. Viele Beispiele stammen aus eigener Feldforschung.
Wer sich ernsthaft mit Ethik, Sozialphilosophie, Anthropologie oder politischer Philosophie beschäftigen möchte, sollte meiner Ansicht nach zumindest solide Kenntnisse in diesem Bereich besitzen.
Philosophie über den Menschen ohne ernsthafte Beschäftigung mit menschlicher Verhaltensbiologie läuft schnell Gefahr, ein Wesen zu analysieren, das hauptsächlich aus philosophischen Voraussetzungen konstruiert wurde.
18. Robert Sapolsky
Gewalt und Mitgefühl. Die Biologie des menschlichen Verhaltens
Stufe: Vertiefung
Das englische Original heißt Behave.
Sapolsky untersucht Verhalten über mehrere Erklärungsebenen hinweg. Was geschah Sekunden vor einer Handlung im Nervensystem? Welche hormonellen Prozesse wirkten vorher? Welche Entwicklungsgeschichte besitzt der Mensch? Welche sozialen Erfahrungen waren beteiligt? Welche evolutionären Prozesse liegen noch weiter zurück?
Diese mehrstufige Betrachtung ist philosophisch wertvoll. Sie schützt vor monokausalen Erklärungen menschlichen Verhaltens.
Das Buch ist umfangreich. Es lohnt sich.
Sapolskys späteres Determined würde ich erst danach lesen. Dort steht die Frage des freien Willens und des Determinismus wesentlich stärker im Mittelpunkt.
Stufe 5
Wahrscheinlichkeit, Denkfehler und Unsicherheit
19. Daniel Kahneman
Schnelles Denken, langsames Denken
Stufe: Grundlagen mit kritischer Begleitung
Kahneman bietet einen sehr guten Einstieg in Heuristiken, Urteilsfehler, Framing, Verfügbarkeitsheuristik, Regression zur Mitte, Basisraten und Entscheidungen unter Unsicherheit.
Das Buch sollte heute kritischer gelesen werden als bei seinem Erscheinen. Teile der psychologischen Literatur, auf die es sich stützt, waren von den später sichtbar gewordenen Replikationsproblemen des Fachs betroffen.
Die grundlegende Lektion bleibt trotzdem außerordentlich wichtig. Unsere Intuition ist kein neutraler Erkenntnisapparat. Menschen erzeugen systematische Fehler beim Schätzen, Vergleichen und Interpretieren von Daten.
Gerade deshalb sollte das Buch mit kritischem Rationalismus und Statistik zusammengedacht werden. Auch ein berühmtes Experiment bleibt eine empirische Behauptung, die geprüft werden muss.
20. Nassim Nicholas Taleb
Narren des Zufalls
Stufe: Grundlagen
Für den Einstieg in Taleb würde ich dieses Buch vor Der Schwarze Schwan setzen.
Taleb zeigt, wie leicht Menschen Zufall nachträglich in Kausalgeschichten verwandeln. Erfolgreiche Personen erscheinen im Rückblick zwangsläufig kompetent. Entwicklungen wirken im Nachhinein vorhersehbar. Überlebende werden untersucht und die verschwundenen Fälle vergessen.
Das Buch ist damit eine sehr gute Ergänzung zu Kahneman.
Für Philosophie ist der Punkt zentral. Eine plausible Geschichte ist noch keine gute Erklärung. Beobachtete Regelmäßigkeit kann durch Auswahlprozesse, Zufall oder eine falsche Modellannahme entstehen.
21. Nassim Nicholas Taleb
Der Schwarze Schwan
Stufe: nach Narren des Zufalls
Hier wird die Problematik auf seltene und folgenreiche Ereignisse erweitert.
Taleb interessiert sich für Systeme, in denen wenige extreme Ereignisse einen großen Teil des Gesamtergebnisses bestimmen. In solchen Bereichen versagen Intuitionen, die aus normalverteilten oder relativ stabilen Prozessen stammen.
Wer danach weitergehen möchte, kann sich durch die übrige Incerto-Reihe arbeiten. Für eine Anfängerliste reichen die ersten beiden genannten Bücher.
Stufe 6
Spieltheorie, Kooperation und strategische Interaktion
22. Ken Binmore
Spieltheorie
Stufe: Einstieg
Spieltheorie gehört meiner Ansicht nach zur philosophischen Grundausstattung.
Ken Binmores kurze Einführung bei Reclam ist dafür ein guter deutschsprachiger Einstieg. Sie führt in strategische Entscheidungen ein, ohne daraus sofort ein mathematisches Großprojekt zu machen.
Wichtig sind zunächst dominante Strategien, Nash-Gleichgewichte, Nullsummen- und Nichtnullsummenspiele, Gefangenendilemmata und wiederholte Interaktionen.
Diese Begriffe werden später für Ethik, politische Philosophie, Ökonomie, Evolution und die Entstehung sozialer Normen relevant.
23. Robert Axelrod
Die Evolution der Kooperation
Stufe: nach einer elementaren Einführung in Spieltheorie
Axelrod untersucht, unter welchen Bedingungen Kooperation zwischen Akteuren entstehen kann, die ihre eigenen Interessen verfolgen und keiner zentralen Kontrollinstanz unterstehen.
Berühmt wurden seine Computersimulationen iterierter Gefangenendilemmata und der Erfolg einfacher reziproker Strategien wie Tit for Tat.
Das Buch ist philosophisch interessant, weil Kooperation hier als erklärbares Ergebnis wiederholter Interaktion untersucht wird. Moralisches Verhalten muss damit nicht von Anfang an als abstraktes moralisches Prinzip vorausgesetzt werden.
Axelrods Ergebnisse sollten ebenfalls nicht dogmatisiert werden. Andere Spielstrukturen, Fehler, Populationsstrukturen und Strategien verändern die Ergebnisse. Genau deshalb eignet sich das Buch hervorragend als Einstieg.
Weiterführend
John Maynard Smith, Evolution and the Theory of Games
Stufe: Vertiefung
Maynard Smith überträgt spieltheoretische Modelle systematisch auf Evolution und entwickelt insbesondere das Konzept der evolutionär stabilen Strategie.
Wer sich ernsthaft mit der Evolution von Kooperation, Konflikt und sozialen Strategien beschäftigen möchte, kommt an diesem Bereich kaum vorbei.
Für absolute Anfänger würde ich zuerst Binmore und Axelrod lesen.
Stufe 7
Jetzt zu den klassischen philosophischen Texten
Nach den bisherigen Stufen besitzt man bereits eine völlig andere Ausgangslage. Man hat sich mit Argumentation, Fehlbarkeit, Falsifikation, Ontologie, Evolution, menschlicher Kognition, Wahrscheinlichkeit und strategischer Interaktion beschäftigt.
Jetzt würde ich die klassischen Philosophen lesen.
24. Aristoteles
Nikomachische Ethik
Stufe: klassische Pflichtlektüre
Wenn ich aus der antiken Philosophie ein einziges größeres Werk für den Einstieg auswählen müsste, wäre es dieses.
Aristoteles untersucht Glück, Tugend, Charakter, Handlungen, Verantwortung, Freundschaft und die Frage nach einem gelungenen menschlichen Leben.
Vieles daran kann man kritisieren. Seine teleologische Biologie ist aus heutiger Sicht in wichtigen Teilen überholt. Einige gesellschaftliche Voraussetzungen sind historisch gebunden.
Trotzdem ist die argumentative Struktur außerordentlich ergiebig. Aristoteles vergleicht Positionen, unterscheidet Begriffe und versucht, ethische Fragen mit einer Theorie des Menschen zu verbinden.
Dass Aristoteles häufig zunächst konkurrierende Auffassungen diskutiert, halte ich eher für eine Stärke. Philosophie besteht wesentlich darin, Alternativen zu untersuchen und ihre Konsequenzen zu prüfen.
25. David Hume
An Enquiry Concerning Human Understanding
Stufe: nach den erkenntnistheoretischen Grundlagen
Hume gehört unbedingt in eine philosophische Leseliste. Ich würde für Anfänger jedoch nicht mit seinen Dialogues Concerning Natural Religion beginnen.
Für seine philosophische Bedeutung sind die erkenntnistheoretischen Probleme wichtiger.
Besonders lesenswert sind die Abschnitte IV und V über skeptische Zweifel und deren Lösung sowie Abschnitt VII über notwendige Verknüpfung.
Hier begegnet man dem Induktionsproblem und Humes Analyse der Kausalität in ihrer klassischen Form.
Wer Popper, Albert und evolutionäre Erkenntnistheorie bereits kennt, kann Hume wesentlich produktiver lesen. Man erkennt, welches Problem er tatsächlich entdeckt hat und kann seine eigenen Lösungen und Folgerungen davon getrennt beurteilen.
26. John Stuart Mill
On Liberty
Stufe: sehr guter klassischer Einstieg
Dieses Buch würde ich relativ früh lesen.
Mill untersucht die Grenzen legitimer gesellschaftlicher Macht über das Individuum. Daraus entwickelt er sein berühmtes Freiheitsprinzip und eine Verteidigung von Meinungsfreiheit, Individualität und gesellschaftlichem Experimentieren.
Der Text ist kurz, verständlich und argumentativ klar.
Besonders interessant ist seine Verteidigung freier Diskussion. Auch falsche Auffassungen können erkenntnistheoretischen Wert besitzen, weil ihre Kritik dazu zwingt, die eigenen Gründe erneut offenzulegen.
Man muss Mills Freiheitsprinzip nicht als endgültige politische Theorie akzeptieren. Als Ausgangspunkt für politische Philosophie ist On Liberty hervorragend.
27. Michel de Montaigne
Ausgewählte Essais
Stufe: Ergänzung nach den Grundlagen
Montaigne würde ich nicht vollständig durcharbeiten. Dafür sind die Essais als Einstieg zu umfangreich und thematisch zu verstreut.
Ausgewählte Essays sind jedoch sehr empfehlenswert.
Montaigne beobachtet Menschen, Gewohnheiten, Überzeugungen und die eigene Fehlbarkeit mit einer ungewöhnlichen skeptischen Distanz. Er ist besonders interessant als frühe Übung darin, die eigenen Selbstverständlichkeiten ebenfalls zum Gegenstand der Untersuchung zu machen.
Sein Skeptizismus sollte wiederum selbst kritisch betrachtet werden. Genau dadurch wird die Lektüre interessant.
28. Die Stoiker
Marc Aurel, Seneca und Epiktet
Stufe: gut zugängliche klassische Ergänzung
Von Marc Aurel würde ich die Selbstbetrachtungen empfehlen.
Von Seneca ist Vom glücklichen Leben ein guter Einstieg.
Epiktets Handbüchlein ist noch kürzer und bringt zentrale stoische Gedanken auf engem Raum zusammen.
Diese Texte sind interessant, weil sie Philosophie unmittelbar auf Entscheidungen und Lebensführung beziehen. Besonders die Unterscheidung zwischen kontrollierbaren und nicht kontrollierbaren Dingen hat bis heute psychologische Wirkung.
Man sollte die stoische Psychologie nicht einfach übernehmen. Einige Forderungen nach innerer Unabhängigkeit von äußeren Umständen gehen sehr weit. Als philosophisches Experiment über Handlungsspielraum, Emotion und Selbstkontrolle sind die Texte ausgezeichnet.
29. Bertrand Russell
The Problems of Philosophy und ausgewählte Essays
Stufe: sehr gut für Anfänger geeignet
Russell schreibt für einen bedeutenden Philosophen ungewöhnlich klar.
The Problems of Philosophy behandelt Wahrnehmung, Materie, Induktion, Wissen, Wahrheit und die Grenzen philosophischer Erkenntnis. Das Buch ist kurz genug, um es vollständig zu lesen.
Russells Positionen müssen nicht übernommen werden. Seine Stärke liegt in der klaren Darstellung der Probleme.
Als zusätzliche kurze Lektüre eignet sich Warum ich kein Christ bin. Russell ist auch dort ein hervorragender Rhetoriker. Deshalb sollte man seine Argumente ebenso prüfen wie die seiner Gegner.
30. Thomas Nagel
What Is It Like to Be a Bat?
Stufe: kurze Problemlektüre nach den Grundlagen
Das ist ein sehr gutes Beispiel für einen philosophischen Aufsatz.
Nagel stellt ein klar umrissenes Problem über subjektives Erleben und objektive Beschreibung. Der Text ist kurz, verständlich und argumentativ interessant.
Man kann seine Folgerungen kritisieren. Genau dafür ist der Text gut geeignet.
Ein Anfänger erlebt hier Philosophie in einer produktiven Form. Es gibt ein präzises Problem, ein nachvollziehbares Argument und genügend Angriffsfläche für Gegenargumente.
31. René Descartes und Elisabeth von der Pfalz
Meditationen und der Briefwechsel von 1643
Stufe: Fallstudie nach den Grundlagen
Descartes würde ich nicht isoliert lesen.
Interessanter ist die Kombination aus seinen Meditationen und Elisabeths berühmter Frage zur Wechselwirkung zwischen einer immateriellen Seele und einem materiellen Körper.
Descartes möchte Geist und Materie als unterschiedliche Substanzen auffassen. Elisabeth fragt im Mai 1643, wie eine rein denkende, nichtkörperliche Substanz überhaupt körperliche Bewegungen verursachen kann.
Diese kurze Frage legt eines der zentralen Probleme des cartesianischen Interaktionsdualismus offen.
Als philosophische Lehrsituation ist das hervorragend. Man sieht, wie ein großes metaphysisches System durch eine sehr einfache Frage unter erheblichen Erklärungsdruck geraten kann.
32. Platon
Euthyphron und Apologie
Stufe: erst mit methodischem Werkzeug
Platon würde ich durchaus lesen. Ich würde ihn nur nicht deshalb an den Anfang stellen, weil seine Dialoge angenehmer zu lesen sind als Aristoteles.
Der Euthyphron enthält mit dem Euthyphron-Dilemma eines der langlebigsten Probleme der Religionsphilosophie und Metaethik.
Die Apologie ist ebenfalls kurz und wichtig.
Platon besitzt jedoch eine enorme rhetorische Stärke. Seine Dialogführung kann den Eindruck erzeugen, eine Position sei zwingender widerlegt worden, als es das Argument tatsächlich hergibt.
Genau deshalb halte ich Platon für ergiebiger, wenn der Leser vorher gelernt hat, Argumentationsstruktur und rhetorische Wirkung getrennt zu untersuchen.
Weiterführende Vertiefung
Diese Bücher würde ich nicht mehr zur eigentlichen Einsteigerliste rechnen. Sie sind die nächsten Schritte, wenn einzelne Bereiche vertieft werden sollen.
W. W. Bartley III
The Retreat to Commitment
Bartley führt eine wichtige interne Diskussion des kritischen Rationalismus weiter. Besonders interessant ist die Frage, ob Rationalismus selbst auf einer dogmatischen Entscheidung beruhen muss und wie weit Kritik auf die eigenen methodischen Voraussetzungen angewendet werden kann.
Wer Hans Albert und Popper verstanden hat und sich tiefer mit kritischem Rationalismus beschäftigen möchte, sollte Bartley lesen.
Für die erste Grundausstattung ist Albert ergiebiger.
Karl Popper
Größere Teile von Logik der Forschung und Conjectures and Refutations
Nach der ersten Auswahl lohnt es sich, beide Werke erheblich breiter zu lesen.
In Logik der Forschung werden unter anderem Basissätze, Bewährung, Wahrscheinlichkeit, Einfachheit und die logische Struktur wissenschaftlicher Theorien genauer behandelt.
Conjectures and Refutations erweitert das auf zahlreiche philosophische, wissenschaftstheoretische und politische Probleme.
Mario Bunge
Treatise on Basic Philosophy
Wer Bunges Systemontologie, Semantik, Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie gründlich kennenlernen möchte, kommt am mehrbändigen Treatise kaum vorbei.
Für Anfänger wäre das ein unnötig großer Einstieg. Nach Über die Natur der Dinge bekommt man jedoch einen guten Eindruck davon, ob sich diese Vertiefung lohnt.
John Maynard Smith
Evolution and the Theory of Games
Für evolutionäre Spieltheorie ist dieses Werk zentral. Besonders das Konzept evolutionär stabiler Strategien ist für die Erklärung biologischer Konflikte und Kooperation wichtig.
Robert Sapolsky
Determined
Dieses Buch würde ich nach Behave lesen.
Sapolsky entwickelt dort seine Position gegen einen starken Begriff des freien Willens. Unabhängig davon, ob man seiner Schlussfolgerung folgt, zwingt das Buch dazu, die Beziehung zwischen biologischer Erklärung, Determinismus, Verantwortung und moralischer Zuschreibung genauer zu untersuchen.
Was ich nicht an den Anfang stellen würde
Kant
Kant ist historisch wichtig. Ich würde trotzdem niemandem empfehlen, seine philosophische Ausbildung mit der Kritik der reinen Vernunft oder der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten zu beginnen.
Das Problem ist für mich tiefer als seine schwierige Sprache. Ein Anfänger besitzt noch wenig Werkzeug, um zu erkennen, welche Voraussetzungen Kant setzt, welche Argumente tatsächlich tragen und wo Begriffe innerhalb seines Systems bereits einen Teil der späteren Schlussfolgerungen festlegen.
Kant kann man später lesen. Dann lässt er sich wesentlich besser beurteilen.
Nietzsche
Nietzsche ist sprachlich zu stark, um ihn einem methodisch völlig unvorbereiteten Leser als philosophische Grundlage zu geben.
Er lohnt sich später als Autor, den man argumentativ sezieren kann. Als erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt würde ich ihn nicht verwenden.
Wittgensteins Tractatus
Der Tractatus ist kurz und faszinierend. Genau das kann zum Problem werden.
Seine aphoristische Form und seine enorme begriffliche Verdichtung verleihen vielen Sätzen eine Wirkung, die ihre Begründung zunächst überstrahlen kann.
Nach einer Ausbildung in Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ist er wesentlich interessanter.
Umfangreiche Platon-Lektüre
Einige Dialoge sind ausgezeichnet. Eine chronologische philosophische Ausbildung, die einen Anfänger zunächst monatelang durch Platon führt, würde ich vermeiden.
Populäre Quantenmystik
Bei populären Büchern über Quantenmechanik wäre ich besonders vorsichtig.
Die Quantenphysik ist bereits mathematisch und konzeptionell schwierig. Populäre Darstellungen vermischen experimentelle Ergebnisse schnell mit bestimmten Interpretationen und anschließend mit philosophischen Spekulationen.
Wer sich dafür interessiert, sollte zuerst solide physikalische Grundlagen erwerben und sauber zwischen Theorie, Messbefund und Interpretation unterscheiden.
Die Kurzfassung
Wer nur einen möglichst kompakten Kern dieser Liste lesen möchte, würde von mir ungefähr diese Reihenfolge bekommen.
- Schopenhauer, Eristische Dialektik
- Feynman, Cargo Cult Science
- Sagan, Der Drache in meiner Garage
- Albert, Traktat über kritische Vernunft
- Popper, ausgewählte Texte aus Conjectures and Refutations
- Popper, Kapitel 1 und 4 aus Logik der Forschung
- Bunge und Mahner, Über die Natur der Dinge
- Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie
- Lorenz, Die Rückseite des Spiegels
- Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit
- Hossenfelder, Mehr als nur Atome
- Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken
- Taleb, Narren des Zufalls
- Dawkins, Das egoistische Gen
- Eibl-Eibesfeldt, Krieg und Frieden aus der Sicht der Verhaltensforschung
- Sapolsky, Gewalt und Mitgefühl
- Binmore, Spieltheorie
- Axelrod, Die Evolution der Kooperation
- Aristoteles, Nikomachische Ethik
- Hume, An Enquiry Concerning Human Understanding
- Mill, On Liberty
Danach würde ich nach Interesse verzweigen.
Für Erkenntnistheorie folgen mehr Popper, Bartley, Duhem und Quine.
Für Ontologie folgt mehr Bunge.
Für Evolution und menschliches Verhalten folgen Eibl-Eibesfeldts Die Biologie des menschlichen Verhaltens, Maynard Smith und Sapolskys Determined.
Für klassische Philosophie folgen Montaigne, die Stoiker, Russell, Nagel, Descartes mit Elisabeth und ausgewählte Dialoge Platons.
Erst danach würde ich mich ohne große Bedenken an Kant, Nietzsche, Wittgenstein und andere Autoren setzen, deren Wirkung auf den Leser sehr groß sein kann, bevor ihre argumentativen Voraussetzungen leicht erkennbar sind.
Diese Liste soll keinen Kanon der berühmtesten philosophischen Bücher darstellen. Sie verfolgt ein anderes Ziel. Sie soll möglichst früh die Werkzeuge bereitstellen, mit denen man anschließend selbst entscheiden kann, welche Philosophie etwas taugt.
Quellen und frei zugängliche Texte
Frei zugängliche Originaltexte und institutionelle Angebote
Arthur Schopenhauer, Die Kunst, Recht zu behalten, Projekt Gutenberg https://projekt-gutenberg.org/authors/arthur-schopenhauer/books/arthur-schopenhauer-die-kunst-recht-zu-behalten/ (Projekt Gutenberg)
Richard Feynman, Cargo Cult Science, Caltech https://calteches.library.caltech.edu/51/2/CargoCult.pdf (Caltech Magazine)
Karl Popper, Science: Conjectures and Refutations, kurze Textfassung über KTH https://www.kth.se/social/files/57da705ef276540c0f789308/KPopper_Falsification.pdf Eine weitere legale Verlagsfassung des Kapitels findet sich bei Taylor & Francis. https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9780203718087-3/science-conjectures-refutations-karl-popper (Taylor & Francis)
Karl Popper, Conjectures and Refutations, ausleihbare Ausgabe im Internet Archive https://archive.org/details/conjecturesrefut0000popp (Internet Archive)
Karl Popper, bibliographischer Nachweis von Conjectures and Refutations bei PhilPapers https://philpapers.org/rec/POPCAR-5 (PhilPapers)
W. V. O. Quine, Two Dogmas of Empiricism, Universitätskopie https://sites.ualberta.ca/~francisp/NewPhil448/QuineTwoDogmas51.pdf
Pierre Duhem, The Aim and Structure of Physical Theory, Internet Archive https://archive.org/details/aimstructureofph0000duhe
Aristoteles, Nicomachean Ethics, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/8438
David Hume, An Enquiry Concerning Human Understanding, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/9662
John Stuart Mill, On Liberty, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/34901
Michel de Montaigne, Essays, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/3600
Epiktet, The Enchiridion, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/45109 (Project Gutenberg)
Marc Aurel, Meditations, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/2680 (Project Gutenberg)
Seneca, Texte einschließlich Of a Happy Life, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/files/56075/56075-h/56075-h.htm (Project Gutenberg)
Bertrand Russell, The Problems of Philosophy, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/5827 (Project Gutenberg)
Platon, Euthyphro, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/1642 (Project Gutenberg)
Platon, Apology, Crito and Phaedo, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/13726 (Project Gutenberg)
René Descartes, Six Metaphysical Meditations, Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/ebooks/70091 (Project Gutenberg)
Elisabeth von der Pfalz, Briefe an Descartes, Simon Fraser University Digital Library https://digital.lib.sfu.ca/princess-elisabeth-letters-descarte (Digital Library)
Descartes und Elisabeth, modernisierte englische Fassung des Briefwechsels bei Early Modern Texts https://www.earlymoderntexts.com/assets/pdfs/descartes1643_1.pdf
Thomas Nagel, What Is It Like to Be a Bat? DOI https://doi.org/10.2307/2183914
Verlage und bibliographische Angaben zu den deutschsprachigen Ausgaben
Hans Albert, Traktat über kritische Vernunft, Mohr Siebeck https://www.mohrsiebeck.com/buch/traktat-ueber-kritische-vernunft-9783825216092/
Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Mohr Siebeck https://www.mohrsiebeck.com/en/book/die-offene-gesellschaft-und-ihre-feinde-band-i-und-ii-9783161634734/
Mario Bunge und Martin Mahner, Über die Natur der Dinge, Hirzel https://www.hirzel.de/ueber-die-natur-der-dinge/9783777613215
Sabine Hossenfelder, Mehr als nur Atome, Siedler https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Mehr-als-nur-Atome/Sabine-Hossenfelder/Siedler/e612314.rhd (Penguin Random House)
Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit, Klett-Cotta https://www.klett-cotta.de/produkt/stephen-hawking-eine-kurze-geschichte-der-zeit-9783608121957-t-8499
Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken, Penguin https://www.penguinrandomhouse.de/Autor/Daniel-Kahneman/p205096.rhd (Penguin Random House)
Nassim Nicholas Taleb, deutsche Ausgaben von Narren des Zufalls, Der Schwarze Schwan und weiteren Büchern der Incerto-Reihe https://www.penguinrandomhouse.de/Autor/Nassim-Nicholas-Taleb/p457640.rhd (Penguin Random House)
Robert Sapolsky, Gewalt und Mitgefühl, Piper https://www.piper.de/buecher/gewalt-und-mitgefuehl-isbn-978-3-492-31836-5
Ken Binmore, Spieltheorie, Reclam https://www.reclam.de/produktdetail/spieltheorie-9783150185902 (Reclam Verlag)
Robert Axelrod, Die Evolution der Kooperation, De Gruyter https://www.degruyter.com/document/doi/10.1524/9783486851748/html (De Gruyter)
John Maynard Smith, Evolution and the Theory of Games, Cambridge University Press https://www.cambridge.org/core/books/evolution-and-the-theory-of-games/A3BDF54AF5C6297E308AB15BBEF45E48
Konrad Lorenz, Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit, Piper https://www.piper.de/buecher/die-acht-todsuenden-der-zivilisierten-menschheit-isbn-978-3-492-20050-9
David Deutsch, Der Anfang der Unendlichkeit https://www.deranfangderunendlichkeit.de/