Philosophie-Delor - Philosophie – Delor: https://philosophie-delor.github.io/de/ - Philosophie: https://philosophie-delor.github.io/de/philosophy/ - Eine Leseliste für kritisches Denken: https://philosophie-delor.github.io/de/philosophy/reading_list/ - Was ist Philosophie?: https://philosophie-delor.github.io/de/philosophy/what-is-philosophy/ - Was ist Qualität: https://philosophie-delor.github.io/de/philosophy/what-is-qualety/ - Mindeststandards für eine gelingende philosophische Diskussion: https://philosophie-delor.github.io/de/philosophy/mindeststandards/ - Ethik: https://philosophie-delor.github.io/de/ethics/ - Humes Sein-Sollen-Problem und seine Lösung: https://philosophie-delor.github.io/de/ethics/hume_is_ought/ - Kritik und Reviews: https://philosophie-delor.github.io/de/critics/ - Der Irrtum des Utilitarismus: https://philosophie-delor.github.io/de/critics/utilltarissmus/ - Professor Hanno Sauer: Moral: Die (Eigen-)Erfindung von Gut und Böse: https://philosophie-delor.github.io/de/critics/sauer_moral/ - Wie man Hume's Gesetz bewesit, oder auch nicht: https://philosophie-delor.github.io/de/critics/how-to-prove-humes-law/ - Satirische Kritik: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/ - So frei wie ein Bratenwender: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/kants-idealissmus/ - Die zwei Dogmen von Königsberg-7: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/kants-imperativ/ - Expressivism: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/expressivism/ - Parfit und die normative Parallelwelt: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/parfit/ - Thick Rules: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/thick-rules/ - Das Searl Evangelium: https://philosophie-delor.github.io/de/satire/the-gospel-of-john/ - Publicationen: https://philosophie-delor.github.io/de/publications/ - Über den Autor: https://philosophie-delor.github.io/de/about/ # Humes Sein-Sollen-Problem und seine Lösung ## Sein und Sollen David Hume (1739/1978, T 3.1.1.27) stellt im *Treatise of Human Nature* fest, dass moralphilosophische Autoren häufig zunächst über Tatsachen sprechen. Sie schreiben darüber, was der Fall ist, wie Menschen handeln, welche Eigenschaften sie besitzen oder welche Verhältnisse in der Welt bestehen. Danach erscheint in derselben Argumentation ein „soll“ oder „soll nicht“. Hume bemerkt, dass dieser Wechsel oft ohne Begründung geschieht. Texte beginnen mit Seinsaussagen und gehen dann zu Sollensaussagen über, ohne zu erklären, wodurch dieser neue Anspruch begründet ist. Damit formuliert Hume das Problem, das später als Humes Gesetz, Humes Guillotine, Sein-Sollen-Problem oder Sein-Sollen-Lücke bekannt wurde. Ein Sollenssatz enthält einen anderen Anspruch als ein bloßer Tatsachensatz. Wer aus Tatsachen eine Norm ableitet, muss erklären, wie der normative Gehalt in die Schlussfolgerung gelangt. Hume sah nicht, wie dieser Übergang rein logisch gelöst werden könnte. Für ihn bestand zwischen Seinsaussagen und Sollensaussagen eine scharfe Dichotomie. In schwacher, sprachlich-logischer Lesart ist das trivial. Ohne einen Sollensoperator, der den Übergang von Sein zu Sollen ermöglicht, kann aus reinen Seinsaussagen kein Sollenssatz folgen. Das ist der Konservativität der Logik geschuldet, wie Charles Pigden (2010) richtig erkannte. Der Grund dafür liegt in der verschiedenen Funktion beider Satzarten. Ein Tatsachensatz beschreibt einen Sachverhalt. Ein Sollenssatz enthält einen normativen Anspruch. Wer von Tatsachen auf Normen schließt, muss erklären, wie der normative Gehalt in die Schlussfolgerung gelangt. Hume sah nicht, wie dieser Übergang rein logisch gelöst werden könne. Für ihn bestand zwischen Seinsaussagen und Sollensaussagen eine scharfe Trennung. Diese Feststellung trifft einen realen Fehler vieler moralischer Argumentationen. Ein Sollenssatz darf nicht stillschweigend in eine Argumentation eingeschoben werden. ## Humes Moralbegriff Für David Hume (1739/1978, T 3.1.1.6) gehört zur Moral, dass sie auf den Willen wirkt und Handlungen beeinflusst. Moralische Urteile müssten deshalb motivierende Kraft besitzen. Er schreibt: „Moral erregt Leidenschaften und bringt Handlungen hervor oder verhindert sie.“ Daraus folgert Hume, dass Vernunft allein keine moralischen Urteile hervorbringen könne. Sie könne Beziehungen zwischen Vorstellungen und Tatsachenverhältnisse erkennen, aus sich heraus aber keinen Handlungsimpuls erzeugen. Da moralische Urteile nach Hume den Willen bewegen müssten, könnten moralische Regeln keine Schlussfolgerungen der Vernunft sein. Hume (1739/1978, T 3.1.1.6) schreibt: „Die Regeln der Moral sind daher keine Schlussfolgerungen unserer Vernunft.“ ## Humes Lösungsversuch Hume versucht das Problem anschließend über Gefühle zu lösen. Moralische Urteile entstehen nach ihm aus moralischen Gefühlen. Der Mensch betrachtet eine Handlung oder einen Charakter, versteht die Umstände und empfindet Zustimmung oder Missbilligung. Diese Empfindung bildet für Hume den Kern des moralischen Urteils. Er fasst das in der Formel zusammen, Moral werde eher gefühlt als geurteilt: „Morality, therefore, is more properly felt than judg’d of.“ (Hume 1739/1978, T 3.1.2.1). Die moralische Bewertung stammt für ihn also aus dem Gefühl. Die Vernunft hilft lediglich dabei, die geeigneten Mittel zu erkennen, um entsprechend zu handeln. Dies fasst er mit dem folgenden berühmten Satz zusammen: „Reason is, and ought only to be the slave of the passions.“ – „Die Vernunft ist und soll nur die Sklavin der Leidenschaften sein.“ (Hume 1739/1978, T 2.3.3.4) Die Leidenschaften geben danach die Richtung des Handelns vor, während die Vernunft nur Informationen und Mittel ordne, nicht aber den letzten praktischen Antrieb erzeugen könne. Der Übergang zur Moral wird bei Hume durch ein Gefühl geleistet, das eine Handlung oder einen Charakter bewertet und motivierende Kraft besitzt. ## Grenze dieser Lösung Humes Lösung erklärt, wie moralische Urteile psychologisch entstehen, aber nicht, warum sie gelten. Aus der Tatsache, dass Menschen Zustimmung oder Missbilligung empfinden, folgt kein Maßstab für die Richtigkeit dieser Empfindungen. Das Gefühl erklärt die Entstehung des Urteils, aber begründet nicht seine Wahrheit. Sobald das Gefühl selbst über die Geltung des Gefühls entscheidet, entsteht ein Zirkel. Wenn Humes Theorie nur beschreiben soll, wie Menschen tatsächlich urteilen, bleibt die normative Frage offen. Dann wissen wir, dass Menschen moralische Gefühle haben. Wir wissen aber nicht, warum diesen Gefühlen vertraut werden soll. Gefühle besitzen keinen letzten Maßstabsstatus. Sie sind selbst erklärungsbedürftige Naturphänomene. Moralische Gefühle sind evolutionär entstandene proximale Steuerungsmechanismen (John Tooby und Leda Cosmides 2008). Sie entstanden, weil sie unter bestimmten Bedingungen Verhalten förderten, das der „Linienfitness“ diente. Daraus erklärt sich ihre motivierende Kraft, aber auch ihre Fehlbarkeit. Insbesondere unter veränderten Umweltbedingungen können moralische Gefühle fehlleiten. Nikolaas Tinbergen (1951) zeigte am Beispiel übernormaler Reize, dass ein ursprünglich funktionaler Mechanismus unter veränderten Bedingungen fehlgeleitet werden kann. Dasselbe gilt für moralische Gefühle. Sie können in bestimmten Umwelten nützlich gewesen sein und in anderen Umwelten in die Irre führen. Deshalb müssen sie an einem Maßstab geprüft werden. Dieser Maßstab kann nicht wieder ein Gefühl sein. Er ergibt sich aus der evolutionären Funktion dieser Gefühle. ## Motivation und Wahrheit Humes Motivationsbegriff erklärt, warum (bestimmte) moralische Urteile praktisch motivieren, erklärt aber nicht, warum ein Urteil wahr oder gültig sein soll. Eine Aussage kann wahr sein, auch wenn sie niemanden motiviert. Ein Sollenssatz kann objektiv gelten, auch wenn ein bestimmtes Subjekt keinen Antrieb verspürt, ihm zu folgen. Motivation betrifft die Psychologie des Handelnden. Geltung betrifft den Realitätsbezug der Aussage. ## Vernunft und Motivation Auch Humes These, Vernunft könne keine Motivation hervorbringen, ist nicht haltbar. Motivation entsteht aus Erwartungen und Bewertungen. Rationale Einsicht kann solche Erwartungen verändern. Wer durch ein Argument die Folgen einer Handlung neu versteht, kann dadurch eine neue Handlungsbereitschaft gewinnen (Wolfram Schultz 2016; Kent Berridge 2009; Berridge & Robinson 2016; Salamone et al. 2018). Glück, Lebenszufriedenheit und Eudaimonia gehören zu den biologisch verankerten Rückmeldestrukturen des Handelns. Sie können Verhalten antreiben und stabilisieren. Daraus folgt kein letzter moralischer Maßstab. Vernunft bleibt ebenfalls in die evolutionäre Struktur eingebunden. Sie erlaubt den Abgleich moralischer Gefühle mit Weltwissen und Folgenabschätzung. Sie kann nicht beliebig Motivation erzeugen, sie kann aber Erwartungen verändern und dadurch Handlungen auslösen oder verhindern. ## Reine Vernunft Der Versuch, moralische Maßstäbe aus reiner Vernunft oder aus A-priori-Prinzipien abzuleiten, findet sich in unterschiedlichen Formen etwa bei Kant, Rawls und Korsgaard (Kant 1785/2016; Rawls 1971/1999; Korsgaard 1996). Diese Ansätze funktionieren jedoch ebenfalls nicht. Reine logische und analytische Schlüsse können den Gehalt ihrer Voraussetzungen nicht erweitern (Schlick 1918/1925; Hahn 1933). Soll am Ende einer Ableitung ein moralischer Gehalt stehen, muss dieser daher bereits in den Voraussetzungen oder Begriffen enthalten sein. Auch die Wahl bestimmter Vernunftprinzipien löst dieses Problem nicht. Ob man Widerspruchsfreiheit, Universalisierbarkeit oder Autonomie zugrunde legt, aus dem Prinzip selbst folgt noch kein objektiver moralischer Maßstab. Für gesetzte moralische Prinzipien lassen sich konkurrierende Prinzipien formulieren, die ebenfalls logisch konsistent sind und zu entgegengesetzten Ergebnissen führen. Welche davon gelten, kann daher nicht durch reine Vernunft entschieden werden. Dafür muss geprüft werden, welche Prinzipien mit der Realität übereinstimmen. ## Ontologie von Werturteilen Um das Problem lösen zu können und zu erkennen, wo Hume und andere falsch liegen, müssen wir zunächst analysieren, was Werte eigentlich sind. Woraus ergibt sich, dass etwas für jemanden wertvoll ist? Etwas wird für eine Person wertvoll, wenn es ihr unter gegebenen Bedingungen hilft, ein Ziel zu erreichen oder besser zu erreichen als andere Möglichkeiten. Wert besteht damit in einer Beziehung zwischen dem Bewerteten, demjenigen, für den es wertvoll ist, einem Ziel und den jeweiligen Bedingungen. Mario Bunge fasst diese relationale Struktur präzise: > „a ist wertvoll für Organismus b in Hinblick auf c unter den Umständen d mit dem Ziel e und im Lichte eines Kenntnisstandes f.“ (Bunge 1989; Bunge & Mahner 2004, S. 173) Ein Werturteil behauptet damit eine reale Beziehung. Ob etwas für jemanden im Hinblick auf ein Ziel unter bestimmten Bedingungen tatsächlich wertvoll ist, lässt sich prüfen. Ein einwertiger Wertbegriff wie „X ist gut“ lässt dagegen die Beziehungen weg, durch die überhaupt erst bestimmt wird, worin der Wert von X besteht. Ohne die Angabe, für wen, im Hinblick worauf und unter welchen Bedingungen etwas wertvoll sein soll, ist kein bestimmbarer Sachverhalt angegeben. Viele ethische Theorien rekonstruieren Werte deshalb bereits auf der begrifflichen Ebene falsch, wenn sie „gut“ oder „wertvoll“ wie eine Eigenschaft behandeln, die einem Gegenstand oder einer Handlung an sich zukommt. Damit lässt sich auch Humes Fehler genauer bestimmen. Die motivierende Wirkung eines moralischen Urteils ist keine Bestimmung seines Wertes. Sie beschreibt, was ein Urteil psychologisch bei einem Menschen bewirkt. Das Werturteil selbst behauptet dagegen eine Beziehung zwischen etwas Bewertetem und einem Ziel unter bestimmten Bedingungen. Hume verwechselt damit Motivation und Wert. ## Das Oberziel > „Nichts in der Biologie ergibt Sinn außer im Licht der Evolution.“ (Dobzhansky 1973) Nach dieser Rekonstruktion erhalten Gefühl und Vernunft ihre ethische Stellung durch ihre Beziehung zum Ziel lebender Systeme. Gefühle liefern proximale Steuerung. Vernunft prüft, korrigiert und kann Motivation erzeugen. Beide müssen an dem Ziel gemessen werden, dessen Verfolgung ihre evolutionäre Entstehung erklärt. Menschen können sich instrumentelle Ziele setzen. Ein Oberziel können sie jedoch nicht frei wählen. Eine solche freie Setzung würde einen libertären freien Willen voraussetzen, der ein Ziel unabhängig von vorausgehenden Ursachen bestimmen könnte. Eine Entscheidung ist jedoch entweder durch vorausgehende Bedingungen verursacht oder enthält einen zufälligen Anteil. Im ersten Fall ist das Ziel nicht frei gesetzt, im zweiten Fall ist es zufällig (Schopenhauer 1839/1841, S. 25; Sapolsky 2023). Auch eine rein zufällige Setzung könnte einem Ziel keinen objektiven Vorrang vor anderen Zielen verleihen. Wenn menschliche Ziele also nicht bloß zufällig sind, müssen ihre Entstehung und ihre Hierarchie auf eine nicht frei gesetzte Zielstruktur zurückgeführt werden können. Ein mögliches Oberziel muss deshalb aus den empirischen Erkenntnissen über die Entstehung und Entwicklung des Lebens rekonstruierbar sein. Dabei ist zwischen Teleologie und Teleonomie zu unterscheiden. Teleologie erklärt Zielgerichtetheit durch eine vorausgehende Zwecksetzung. Ein Ziel besteht, weil es von jemandem gesetzt wurde. Teleonomie bezeichnet dagegen eine funktionale Ausrichtung, die durch natürliche Prozesse entsteht, ohne zuvor absichtsvoll gesetzt worden zu sein. Ein Organismus kann daher auf ein Ziel ausgerichtet sein, ohne dass dieses Ziel von einem Zwecksetzer festgelegt wurde (Pittendrigh 1958; Mayr 1974). Da unsere Ziele, Dispositionen und Wünsche ebenso evolutionär entstanden sind wie unsere übrigen biologischen Merkmale, muss auch ein Oberziel evolutionär erklärbar sein. Lebewesen, deren vererbbare Eigenschaften den langfristigen Fortbestand und die Reproduktion ihrer genealogischen Linie förderten, hatten einen Selektionsvorteil. Entsprechende Zielstrukturen konnten sich erhalten, entgegenwirkende verschwanden mit ihren Trägern (Darwin 1859; Dawkins 2016). Dieses Oberziel bezeichne ich als **Linienfitness**. Sie umfasst den langfristigen Fortbestand, die Reproduktion und die adaptive Bewährung der eigenen genealogischen Linie ([Delor 2026](https://philarchive.org/rec/DELDLD-13)). Linienfitness erfüllt damit die Bedingung eines Oberziels. Auf sie sind Lebewesen teleonom ausgerichtet, und die übrigen stabilen Ziele, Wünsche, Gefühle, Intuitionen und Dispositionen lassen sich als proximale oder instrumentelle Mechanismen in diese Zielstruktur einordnen. Linienfitness selbst ist keinem weiteren Ziel untergeordnet und kann von uns nicht frei gewählt werden. Sie bildet daher den objektiven Maßstab, an dem die übrigen Ziele und Werturteile beurteilt werden können ([Delor 2026](https://philarchive.org/rec/DELDLD-13)). Damit lässt sich auch der Sein-Sollen-Übergang bestimmen. Wenn eine Handlung unter gegebenen Bedingungen die Linienfitness fördert, dann soll sie unter diesen Bedingungen ausgeführt werden. Der dafür benötigte Soll-Operator wird dabei nicht als moralische Prämisse gesetzt, sondern aus der relationalen Struktur von Wert und Sollen rekonstruiert. Das Oberziel selbst stammt ebenfalls aus der empirischen Rekonstruktion der Zielstruktur lebender Systeme. Damit lässt sich aus Tatsachen über ein Ziel und über die Mittel, die dieses Ziel fördern, ein objektiver Sollenssatz ableiten ([Delor 2026](https://philarchive.org/rec/DELDLD-13)). ## Schluss Abschließend lässt sich feststellen, dass David Humes Forderung nach einer Erklärung des Übergangs vom Sein zum Sollen durchaus berechtigt war. Sein eigener Vorschlag löst das Problem jedoch nicht. Hume leitet die normative Bedeutung moralischer Urteile letztlich aus Gefühlen und ihrer motivierenden Wirkung ab und vollzieht damit selbst einen Übergang von Tatsachen zu einem Sollen. Zudem bleiben diese Gefühle selbst erklärungsbedürftig. Hinzu kommt ein Kategorienfehler. Hume setzt voraus, dass ein moralisches Urteil motivieren müsse, obwohl Motivation eine psychologische Wirkung und kein Bestandteil eines Werturteils ist. Die schwache Form des Sein-Sollen-Problems bleibt davon unberührt. Aus reinen Seinsaussagen folgt durch reine Logik kein Sollen, wenn der dafür erforderliche Sollensoperator im verwendeten System fehlt. Daraus folgt jedoch keine allgemeine Sperre gegen eine naturalistische Ethik. Wird der Sollensoperator selbst aus realen Ziel- und Förderbeziehungen rekonstruiert und das Oberziel ebenfalls aus Tatsachen über lebende Systeme gewonnen, ist keine moralische Prämisse frei gesetzt. Der normative Operator gehört dann selbst zur aus dem Sein rekonstruierten Theoriestruktur. Aus Tatsachen über das Oberziel und darüber, welche Handlungen dieses Ziel unter bestimmten Bedingungen fördern, können deshalb Sollenssätze folgen. Später wurden weitere Sperrthesen gegen eine naturalistische Ethik entwickelt. Dazu gehört insbesondere G. E. Moores (1903) sogenannter naturalistischer Fehlschluss. In neuerer Zeit kommen evolutionäre Debunking-Argumente hinzu, die aus der evolutionären Entstehung unserer moralischen Urteile Einwände gegen deren objektive Geltung ableiten. Auch diese Argumente halten einer genaueren Prüfung nicht stand. In meinem Paper [*Die Lösung des Sein-Sollen-Problems auf Basis des kritischen Rationalismus und der Evolutionstheorie*](https://philarchive.org/rec/DELDLD-13) rekonstruiere ich die hier skizzierte Lösung ausführlicher und behandle diese sowie weitere Einwände gegen eine naturalistische Lösung des Sein-Sollen-Problems. ## Quellenverzeichnis Berridge, K. C., Robinson, T. E., & Aldridge, J. W. (2009). Dissecting components of reward: ‘Liking’, ‘wanting’, and learning. *Current Opinion in Pharmacology, 9*(1), 65–73. https://doi.org/10.1016/j.coph.2008.12.014 Berridge, K. C., & Robinson, T. E. (2016). Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction. *American Psychologist, 71*(8), 670–679. https://doi.org/10.1037/amp0000059 Bunge, M. (1989). *Ethics: The Good and the Right* (Bd. 8). D. Reidel Publishing Company. https://doi.org/10.1007/978-94-009-2601-1 Bunge, M., & Mahner, M. (2004). *Über die Natur der Dinge*. S. Hirzel Verlag GmbH. Darwin, C. (1859). *On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life*. John Murray. Dawkins, R. (2016). *The Extended Selfish Gene*. Oxford University Press. (Ursprünglich erschienen 1976) Delor, F. (2026). *Die Lösung des Sein-Sollen-Problems auf Basis des kritischen Rationalismus und der Evolutionstheorie*. Preprint. https://philpapers.org/rec/DELDLD-13 Dobzhansky, T. (1973). Nothing in biology makes sense except in the light of evolution. *The American Biology Teacher, 35*(3), 125–129. https://doi.org/10.2307/4444260 Hahn, H. (1933). *Logik, Mathematik und Naturerkennen*. Verlag Gerold. Hume, D. (1978). *A Treatise of Human Nature* (L. A. Selby-Bigge & P. H. Nidditch, Hrsg.). Oxford University Press. (Ursprünglich erschienen 1739) Kant, I. (2016). *Grundlegung zur Metaphysik der Sitten* (D. Schönecker & B. Kraft, Hrsg.; 2. Aufl.). Felix Meiner Verlag. https://doi.org/10.28937/978-3-7873-2878-9 (Ursprünglich erschienen 1785) Korsgaard, C. M. (1996). *The Sources of Normativity*. Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/CBO9780511554476 Mayr, E. (1974). Teleological and teleonomic, a new analysis. In R. S. Cohen & M. W. Wartofsky (Hrsg.), *Methodological and Historical Essays in the Natural and Social Sciences* (Bd. 14, S. 91–117). Springer. https://doi.org/10.1007/978-94-010-2128-9_6 Moore, G. E. (1903). *Principia Ethica*. Cambridge University Press. Pigden, C. (2010). On the triviality of Hume’s Law: A reply to Gerhard Schurz. In C. Pigden (Hrsg.), *Hume on Is and Ought* (S. 217–238). Palgrave Macmillan. https://doi.org/10.1007/978-0-230-29688-6_19 Pittendrigh, C. S. (1958). Adaptation, natural selection, and behavior. In A. Roe & G. G. Simpson (Hrsg.), *Behavior and Evolution* (S. 390–416). Yale University Press. Rawls, J. (1999). *A Theory of Justice* (rev. Aufl.). Harvard University Press. (Ursprünglich erschienen 1971) Salamone, J. D., Correa, M., Yang, J.-H., Rotolo, R., & Presby, R. (2018). Dopamine, effort-based choice, and behavioral economics: Basic and translational research. *Frontiers in Behavioral Neuroscience, 12*, 52. https://doi.org/10.3389/fnbeh.2018.00052 Sapolsky, R. M. (2023). *Determined: A Science of Life Without Free Will*. Penguin Press. Schlick, M. (1925). *Allgemeine Erkenntnislehre* (2. Aufl.). Verlag von Julius Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-642-50929-2 (Ursprünglich erschienen 1918) Schopenhauer, A. (1841). Über die Freiheit des menschlichen Willens. In *Die beiden Grundprobleme der Ethik: Behandelt in zwei akademischen Preisschriften*. Joh. Christ. Hermann’sche Buchhandlung. (Ursprünglich erschienen 1839) Schultz, W. (2016). Dopamine reward prediction-error signalling: A two-component response. *Nature Reviews Neuroscience, 17*, 183–195. https://doi.org/10.1038/nrn.2015.26 Tinbergen, N. (1951). *The Study of Instinct*. Clarendon Press. Tooby, J., & Cosmides, L. (2008). The evolutionary psychology of the emotions and their relationship to internal regulatory variables. In M. Lewis, J. M. Haviland-Jones, & L. F. Barrett (Hrsg.), *Handbook of Emotions* (3. Aufl., S. 114–137). Guilford Press.