Der Irrtum des Utilitarismus
Warum Glück und Leidminimierung als oberste moralische Ziele scheitern und wie sich das Sein-Sollen-Problem durch eine evolutionäre Rekonstruktion lösen lässt.
Und die Lösung des Sein-Sollen-Problems im Licht der Evolution
Einleitung
„Hat man sein Warum des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem Wie. Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer tut das.“
Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile, § 12
Menschen ertragen extremes Leid, wenn sie ein starkes Warum haben. Für ihre Kinder riskieren sie sogar das eigene Leben. Fehlt dieses Warum, wird das angenehmere Leben selbst zum vermeintlichen Oberziel. Diese Verwechslung prägt viele heutige ethische Ansätze.
Hedonismus und Utilitarismus gehören zu den am weitesten verbreiteten Ethiken. Der Hedonismus (vom griechischen „hedoné“ für Lust oder Freude) erklärt Lust zum höchsten Gut und Schmerz zum größten Übel. Daraus ergibt sich die Frage, für wen das Glück maximiert und das Leid minimiert werden soll. Der Utilitarismus (vom englischen „utility“ für Nutzen) formuliert daraus ein allgemeines Prinzip für die Gesellschaft, indem er fordert, das gesamte Glück aller Betroffenen zu maximieren und ihr gesamtes Leid zu minimieren (Bentham, 1789; Mill, 1861).
Diese Ansätze verwechseln aber einen evolutionären Steuerungsmechanismus mit dem dahinterliegenden Ziel. Dessen Rekonstruktion führt zur Lösung des Sein-Sollen-Problems, die ich hier nur in Ansätzen erläutern kann. Die vollständige Argumentation findet sich in meinem Paper (Delor, 2026).
Sam Harris und das Scheitern des Utilitarismus
Sam Harris setzt in The Moral Landscape (2010) das Wohlbefinden bewusster Wesen als oberstes Ziel. Dazu entwirft er das Bild einer moralischen Landschaft. Jeder Punkt dieser mehrdimensionalen Landschaft stehe für einen möglichen Zustand bewusster Wesen. Ihre Täler entsprächen tiefem Leid, ihre Gipfel hohem Wohlbefinden. Die Wissenschaft solle zeigen, welche Handlungen uns zu den höchsten Gipfeln führen könnten.
Sam Harris setzt das Wohlbefinden hier aber bereits als oberstes Ziel voraus und erklärt nicht, warum es Vorrang vor anderen Zielen haben sollte. Empirisch-wissenschaftliche Untersuchungen könnten zwar zeigen, welche Bedingungen das Wohlbefinden bestimmter Personen oder Gruppen steigern. Warum wir dieses Wohlbefinden allerdings anstreben sollten und wessen Wohlbefinden dabei zählen soll, müsste zuvor begründet werden. Zustimmung oder Konsens können diese Begründung nicht ersetzen, da sie kein Wahrheitskriterium sind.
Eine Landkarte ohne Ziel
Außerdem wirft dieses Modell einige Fragen auf. Wessen Wohlbefinden und Glück soll hier abgebildet werden? Wie entwickeln wir dafür ein objektives Messverfahren und eine objektive Messskala? Welches Leid zählt mehr als anderes? Gleiches gilt für das Glück.
Nehmen wir aber einmal an, wir könnten eine solche objektive Karte erstellen. Welchen Punkt auf dieser Karte sollten wir tatsächlich anstreben? Gelten ihre Punkte jeweils für die gesamte Gesellschaft oder für einzelne Menschen? Wie tief dürfen die Täler auf dem Weg zu einem höheren Gipfel sein? Wie viele Opfer dürfen wir also bringen, um langfristig oder insgesamt mehr Wohlbefinden zu erreichen?
Eine solche Landkarte könnte hilfreich sein, wenn wir unser Ziel bereits bestimmt hätten und wüssten, dass es auf dieser Karte liegt. Das Erstellen der Landkarte allein gibt uns dieses Ziel jedoch noch nicht vor.
Auch ähnliche Vorschläge mit idealisiertem Wissen lösen dieses Problem nicht. Peter Railton entwickelte beispielsweise einen Ansatz, nach dem sich das Wohl eines Menschen daran bemesse, was sein ideal informiertes Selbst ihm unter seinen tatsächlichen Lebensbedingungen zu wünschen raten würde (Railton, 1986). Auch dieses vollständige Wissen beantwortet jedoch nicht die Frage, welches Ziel wir anstreben sollen. Es könnte höchstens helfen, den besten Weg zu einem bereits bestimmten Ziel zu finden.
Zudem haben beide Modelle das Problem, dass unser tatsächliches Wissen über die moralische Landschaft und die Folgen unserer Handlungen niemals vollständig sein kann. Wir wissen nicht einmal, welchen Anteil davon wir kennen. In der Praxis könnte uns ein solches Modell deshalb auch bei bekanntem Ziel keinen verlässlichen Weg weisen. Der größte Teil der Landkarte bleibt unerforscht und ist vorab unbekannt, und unterwegs begegnen uns unerwartete Ereignisse und schwarze Schwäne (Taleb, 2007).
Für wen?
Das Wohlbefinden eines Einzelnen kann mit dem seiner Gemeinschaft kollidieren. Wer beides gegeneinander abwägen will, braucht einen Maßstab für diese Gewichtung.
Einzelne Landschaften liefern diesen gemeinsamen Maßstab noch nicht. Eine gemeinsame Landschaft setzt ihn bereits voraus. Mit der Einbeziehung zukünftiger Wesen wächst zudem die Unsicherheit. Welche Bedürfnisse sie unter noch unbekannten Lebensbedingungen haben werden, lässt sich nur begrenzt abschätzen.
Zentralisierung und Missbrauch
Die wissenschaftliche Optimierung des gesamten Wohlbefindens legt eine zentrale Steuerung nahe. Ein Expertengremium könnte beanspruchen, die nötigen Informationen zusammenzuführen und für alle zu entscheiden.
Das dafür erforderliche Wissen ist jedoch dezentral verteilt und häufig an konkrete Lebensumstände gebunden (Hayek, 1945). Eine zentrale Stelle kann es nur unvollständig erfassen. Ihre Fehler können trotzdem eine ganze Gesellschaft treffen.
Tragen die Entscheidungsträger die Folgen ihrer Fehler kaum selbst, fehlt ihnen zudem ein Anreiz zur Vorsicht (Taleb, 2018). Unter dem Anspruch des größten allgemeinen Wohls können sie auch den eigenen Vorteil verfolgen.
Verwechslung von Belohnungsmechanismus und Ziel
Glück und Leid steuern unser Verhalten. Diese evolutionär entstandenen Signale begünstigten unter den Bedingungen ihrer Entstehung Verhaltensweisen, die einem dahinterliegenden Ziel dienten. Dass Menschen nach Glück streben, erklärt deshalb noch nicht dessen Rang als Oberziel.
Bei einer Fahrt ans Meer steigt gewöhnlich der Kilometerstand. Wer diesen Wert zum eigentlichen Ziel erklärt, kann ihn durch endlose Rundfahrten erhöhen. Die Anzeige wächst, während das Meer unerreicht bleibt.
Ebenso kann sich eine angenehme Empfindung von ihrer ursprünglichen Funktion lösen. Eine Sucht belohnt ein Verhalten, das die Lebensgrundlage des Betroffenen zerstört. Das Belohnungssignal bleibt wirksam, obwohl das Verhalten dem dahinterliegenden Ziel schadet.
Für ein übergeordnetes Ziel nehmen Menschen umgekehrt großes Leid auf sich. Und warum Wohlbefinden der letzte Maßstab sein sollte, bleibt unbeantwortet.
Das Sein-Sollen-Problem
Zwei scheinbar unüberwindbare Sperrthesen
Die Suche nach diesem Maßstab führt zum Sein-Sollen-Problem. Gegen dessen Lösung werden gewöhnlich zwei Sperrthesen vorgebracht. Die Sein-Sollen-Lücke sei grundsätzlich unüberwindbar. Außerdem begehe jeder Versuch einer natürlichen Begründung von Ethik einen naturalistischen Fehlschluss.
In meinem Paper zeige ich, warum beide Sperrthesen unhaltbar sind (Delor, 2026). Der sogenannte naturalistische Fehlschluss betrifft ein Definitionsproblem (Frankena, 1939). Eine Definition kann die Prüfung des gewählten Maßstabs nicht ersetzen. Auch Moores Berufung auf Intuitionen entgeht diesem Problem nicht (Moore, 1903).
Die formalen Beweise zur Sein-Sollen-Lücke hängen wiederum von den Voraussetzungen ihrer Systeme ab. Sie zeigen die Grenzen bestimmter Rekonstruktionen normativer Begriffe. Eine allgemeine Unmöglichkeit jeder Verbindung zwischen Tatsachen und normativen Aussagen folgt daraus nicht.
Lösungsskizze
Es gibt kein Gutes an sich. Weder eine Handlung noch ein Zustand kann an und für sich gut sein. Ebenso kann nichts absolut gesollt werden. Solche einwertigen Begriffe von „gut“ und „sollen“ sind unhaltbar, weil sie keine Bedingungen angeben, anhand derer sich ihre Übereinstimmung mit der Realität überprüfen ließe. Damit sagen sie nichts über die Realität aus. Gut kann etwas nur für ein Subjekt zum Erreichen eines Ziels unter den gegebenen Randbedingungen sein (Bunge & Mahner, 2004). Gleiches gilt für „sollen“. Eine Handlung soll dann ausgeführt werden, wenn sie unter den gegebenen Randbedingungen die besten Chancen bietet, ein vorhandenes Ziel zu erreichen.
Ziele sind hierarchisch geordnet. Instrumentelle Ziele können wir selbst wählen. Ein Oberziel können wir nicht frei wählen, da dies einen libertären freien Willen voraussetzen würde, der jedoch logisch unmöglich ist (Schopenhauer, 1839/1841).
Welches Oberziel tatsächlich existiert, kann nur empirisch rekonstruiert werden. Da alles Leben und damit auch unsere Wünsche und Ziele evolutionär entstanden sind, muss sich dieses Oberziel aus der Evolutionstheorie erklären lassen.
Tatsächlich lässt sich ein evolutionär entstandenes, teleonomisches Oberziel rekonstruieren, das alle Lebewesen gemeinsam haben. „Teleonomisch“ bedeutet, dass es ohne einen Zielsetzer natürlich entstanden ist. Dieses Oberziel ist der langfristige Erhalt der genetischen Linie. Ich nenne es Linienfitness. Lebewesen mit einer solchen Zielfunktion konnten sich gegenüber Lebewesen ohne diese Zielfunktion durchsetzen.
Unsere Dispositionen, Wünsche und Ziele sind proximale Mechanismen, die dem Erreichen dieses Oberziels dienen. Dazu gehören auch das Streben nach Glück und das Vermeiden unnötigen Leids. Unter den veränderten Umweltbedingungen unserer modernen Gesellschaft funktionieren diese natürlichen Steuerungsmechanismen jedoch oft nicht mehr so wie unter den Bedingungen ihrer evolutionären Entstehung. Dadurch kommt es zu Fehlleitungen, dem sogenannten evolutionären Mismatch (Yong & Kanazawa, 2026). Wir besitzen jedoch die kognitive Fähigkeit, solche Fehlleitungen zumindest teilweise durch bewusste Werturteile zu korrigieren (Delor, 2026).
Schluss
Der Utilitarismus verwechselt Glück und Leid als Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen mit dem Oberziel und fügt eine verallgemeinerte Maximierungsmaxime hinzu, die weder begründet werden kann noch empirisch überprüfbar und gehaltvoll ist. Wer Ethik objektiv rekonstruieren will, muss dies anhand der tatsächlich vorhandenen Ziele lebender Systeme tun. Linienfitness liefert genau diesen objektiven Maßstab und bleibt sowohl in der Herleitung als auch in den normativen Konsequenzen kritikoffen und empirisch prüfbar. Damit wird das Sein-Sollen-Problem erstmals unter den besten erkenntnistheoretischen Voraussetzungen gelöst, die wir kennen und die auch der modernen Wissenschaft und Aufklärung zugrunde liegen (Delor, 2026).
Ernsthafte Kritik ist willkommen. Sie muss Fehler in der Argumentation oder ihren Grundlagen aufzeigen. Ein alternativer Rahmen muss das Problem besser lösen. Die bloße Berufung auf das angegriffene Paradigma reicht dafür nicht aus.
Quellen
- Bentham, J. (1789). An Introduction to the Principles of Morals and Legislation. T. Payne and Son.
- Bunge, M., & Mahner, M. (2004). Über die Natur der Dinge. S. Hirzel.
- Delor, F. (2026). Die Lösung des Sein-Sollen-Problems auf Basis des kritischen Rationalismus und der Evolutionstheorie. Preprint. Deutsche Fassung. Englische Fassung.
- Frankena, W. K. (1939). The naturalistic fallacy. Mind, 48(192), 464–477.
- Harris, S. (2010). The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values. Free Press.
- Hayek, F. A. (1945). The use of knowledge in society. American Economic Review, 35(4), 519–530.
- Mill, J. S. (1861). Utilitarianism. Erstveröffentlichung in Fraser’s Magazine.
- Moore, G. E. (1903). Principia Ethica. Cambridge University Press.
- Nietzsche, F. (1889). Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt. C. G. Naumann.
- Railton, P. (1986). Moral realism. The Philosophical Review, 95(2), 163–207.
- Schopenhauer, A. (1841). Über die Freiheit des menschlichen Willens. In Die beiden Grundprobleme der Ethik. Joh. Christ. Hermann’sche Buchhandlung. (Preisschrift von 1839)
- Taleb, N. N. (2007). The Black Swan: The Impact of the Highly Improbable. Random House.
- Taleb, N. N. (2018). Skin in the Game: Hidden Asymmetries in Daily Life. Random House.
- Yong, J. C., & Kanazawa, S. (2026). Why evolutionary mismatches are ubiquitous while evolutionary matches are rare when humans use technology. Evolutionary Behavioral Sciences, 20(1), 88–102. https://doi.org/10.1037/ebs0000383