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Die Erfindung von Gut und Böse* vor, die Entstehung von Moral aus Evolution, Kooperation und Kultur wissenschaftlich zu rekonstruieren. Er verspricht eine objektive Herleitung, wie Sanktionen und Normen uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Diesen Anspruch löst das Werk an keiner Stelle ein. Statt einer ergebnisoffenen Rekonstruktion betreibt Sauer exzessives Cherry-Picking bei Befunden und Theorien, um eine bestimmte, links-progressive Moralphilosophie zu unterfüttern. Was in sein Weltbild passt, wird breit ausgewalzt, während Gegenbefunde entweder ignoriert oder durch Fehlschlüsse und verzerrte Darstellungen diskreditiert werden. Sauer behauptet apodiktisch, es sei bewiesen, dass aus dem Sein kein Sollen folgen könne. Diese Aussage ist falsch. Wie ich in [*Die Lösung des Sein-Sollen-Problems auf Basis des kritischen Rationalismus und der Evolutionstheorie*](https://philpapers.org/rec/DELDLD-13) (Delor 2026) nachweise, liegt ein solcher Beweis bis heute nicht vor, und er kann auch nicht erbracht werden (Delor, 2026). Im Gegenteil: Es existiert eine objektive Lösung, deren Grundzüge bereits bei Aristoteles (2009) angelegt sind. Ironischerweise verstößt Sauer selbst permanent gegen sein eigenes Dogma. Er zieht fortlaufend normative Urteile wie „geboten", „besser", „muss", „notwendig" oder „gerechter" aus vorselektierten und verzerrten empirischen Befunden. Solche Schlüsse wären auf einer korrekten theoretischen Basis zulässig; bei Sauer bleiben sie unbegründete rhetorische Setzungen, die er dem Leser als wissenschaftliche Ableitung unterzujubeln versucht (Delor, 2026). ### Biologie und Kultur: Ein Missverständnis der Selektion Diese methodische Schwäche zieht sich durch das gesamte Buch und zeigt sich bereits in der Behandlung der Gen-Kultur-Beziehung. Sauer versucht, Kultur als eine den Genen gleichrangige, eigenständige Evolutionsebene zu etablieren. Das ist ein biologischer Fehlschluss. Kultur ist ein Wissensspeicher, der von Organismen getragen wird; sie ist nicht selbst Trägerin von Selektion. Selektion setzt immer an der genetischen Basis an, niemals an „Memen" oder kulturellen Überlieferungen als eigenständigen Replikatoren (Dawkins, 1976/2016; Maynard Smith & Szathmáry, 1995). Kulturelle Regeln und kulturell tradiertes Wissen dienen — wie Zellen, Organe, der gesamte Organismus und der Zusammenschluss in Gruppen — der Erhaltung und Steigerung der Fitness der Gene, die als einzige tatsächlich Träger der Selektion sind. Von einer „kulturellen Koevolution" auf gleicher Ebene mit der genetischen Evolution zu sprechen ist genauso absurd, wie von einer „Koevolution der Zelle" oder einer eigenständigen „Evolution der Leber" zu sprechen. Zellen, Organe, kognitive Fähigkeiten und der Zusammenschluss in Gruppen dienen alle demselben Ziel: der Steigerung der Linienfitness — also der Verbesserung der Überlebens- und Weitergabewahrscheinlichkeit genau jener Merkmale, die der Organismus, der sie trägt, oder die Gruppe, der er angehört, fördert (Delor, 2026). ### Steinzeitliche Egalität Ähnlich verfährt er mit der „steinzeitlichen Egalität“. Sauer greift sich selektiv Gruppen wie die südafrikanischen Ju/'hoansi heraus und stilisiert sie zum universellen Urmodell menschlichen Zusammenlebens. Dass zahlreiche nicht-agrarische Gesellschaften – etwa die Tlingit, Haida oder Calusa – hochgradig hierarchisch organisiert waren, passt nicht in sein Narrativ und wird folgerichtig ausgeklammert (Ames & Maschner, 1999; Kelly, 2013; Widmer, 1988). Selbst die vermeintliche Gleichheit der Ju/'hoansi ist oft das Ergebnis aktiver sozialer Kontrolle und informeller Rangordnungen (Boehm, 1999; Kelly, 2013). Sauer macht aus einem sorgfältig gewählten Einzelfall eine universelle Ursprungserzählung, die historisch nicht haltbar ist. ### Spieltheorie und das Phantom der Kooperation Auch die spieltheoretischen Grundlagen des Buches wiederspricht der tatsächlichen wissenscahftlichen Erkenntniss. Sauer interpretiert das Gefangenendilemma und das Allmendeproblem so, als sei Defektion (Verrat) grundsätzlich rational und Moral müsse die Kooperation mühsam gegen diese Vernunft absichern. Das stimmt jedoch nur für anonyme Einmalspiele mit fixer Rundenzahl – eine Situation, die in der menschlichen Evolution praktisch keine Rolle spielte (Axelrod, 1984/2009; Maynard Smith, 1982; Nowak, 2006). Unsere Moral entstand in kleinen Gruppen mit Wiederbegegnung, Reputation und offenem Zeithorizont. Unter diesen Bedingungen ist Kooperation langfristig dominant, solange auch die anderen kooperieren; bei Defektion ist die rationale Antwort Bestrafung oder Kooperationsverweigerung mit späterer Kooperationsbereitschaft. Tit-for-Tat und verwandte Strategien zeigen das (Axelrod, 1984/2009; Maynard Smith, 1982). Sauer wendet die falsche Modellklasse an und konstruiert daraus ein Problem, das in der relevanten Spielsituation gar nicht besteht. ## Bestrafung In dieselbe Richtung geht der Umgang mit der Bestrafung. Sauer beschreibt zunächst plausibel, dass Sanktion in der Moralgeschichte zentral war: Dominante, gewalttätige Individuen wurden durch Koalitionen Schwächerer eingehegt, was Kooperation und menschliche Selbst-Domestikation ermöglichte (Boehm, 1999; Wrangham, 2019). Anschließend erklärt er diese Funktion für historisch überholt, ohne objektive MAstäbe zu liefern, an denen das beurteilt werden könnte. Wenn Sanktion historisch Kooperation stabilisiert hat, kann ihre Funktion nicht ohne Argument für erledigt erklärt werden, zumal die Bedingungen, unter denen sie stabilisierend wirkt — Wiederbegegnung, Reputation, Trittbrettfahrer-Risiko —, fortbestehen (Axelrod, 1984/2009; Fehr & Gächter, 2002; Maynard Smith, 1982). ### Der Reversal Test gegen die Lindy-Heuristik und Chestertons-Zaun Auch beim Reversal Test von Bostrom und Ord (2006) begeht Sauer einen gravierenden Fehlschluss. Der Test verlangt: Wer eine Veränderung eines bestimmten Parameters ablehnt — etwa kognitiver Fähigkeiten, Lebensspanne oder bestehender sozialer Institutionen —, soll auch erklären können, warum eine Veränderung in die entgegengesetzte Richtung nicht wünschenswert sei. Lehnt er beide Richtungen ab, ohne begründen zu können, warum gerade der aktuelle Wert optimal ist, gilt sein Widerstand als bloßer Status-quo-Bias (Samuelson & Zeckhauser, 1988). Der Fehlschluss steckt bereits im Test selbst. Bostrom konstruiert ihn so, dass er seinen eigenen transhumanistischen Programmen den Weg bereitet: Jeder Einwand gegen Eingriffe in gewachsene biologische oder soziale Strukturen wird in eine Begründungspflicht gedrängt, die unter realer Ungewissheit gar nicht erfüllbar ist (Bostrom & Ord, 2006; Taleb, 2012, 2018). Sauer übernimmt diesen Fehler unkritisch und nutzt den Test, um die Bewegung in Richtung Gleichheit, Inklusion und emanzipatorischer Werte als moralischen Fortschritt zu verteidigen: Wer Veränderungen in diese Richtung ablehnt, müsse erklären können, warum eine Veränderung in die Gegenrichtung nicht besser wäre; gelinge das nicht, sei der Widerstand bloß Status-quo-Bias. Das Argument kehrt die Beweislast um und steht damit im Widerspruch zu zwei grundlegenden Prinzipien rationaler Entscheidung unter Unsicherheit. Die Lindy-Heuristik, die Taleb (2012, 2018) in *Antifragile* und *Skin in the Game* beschreibt, besagt, dass die erwartete Restlebensdauer einer nicht-verderblichen Struktur — Norm, Institution, Verhaltensregel — proportional zu ihrer bisherigen Bestandsdauer ist. Was sich über Jahrhunderte oder Jahrtausende unter wechselnden Bedingungen gehalten hat, enthält implizites Wissen über Antifragilität, das in keiner einzelnen Theorie vollständig explizierbar ist. Die Beweislast liegt damit beim Reformer, nicht beim Bewahrer; bloße Unkenntnis der Funktion einer Norm reicht nicht aus, sie zu verwerfen. Verstärkt wird das durch Chestertons (1929) Zaun-Argument: Wer einen Zaun mitten in einem Feld findet, dessen Funktion er nicht versteht, darf ihn nicht abreißen, bevor er ihn verstanden hat. Lange bewährte Praktiken haben in der Regel mehrere parallele Funktionen, die einzeln schwer zu identifizieren sind; selbst wer eine Funktion isoliert verstanden zu haben glaubt, übersieht meist die übrigen (Taleb, 2012, 2018). Die Beweislast liegt beim Reformer, nicht beim Bewahrer. Sauers rhetorischer Kniff, aus dem Scheitern einer Symmetriefrage eine moralische Verpflichtung zur Veränderung abzuleiten, ist kein wissenschaftlicher Maßstab, sondern eine unzulässige Beweislastumkehr. ### Das austauschbare Individuum und die utopistische Versuchung ### Das austauschbare Individuum, effektiver Altruismus und die utopistische Versuchung Besonders problematisch ist Professor Sauers These, der Einzelne sei austauschbar und in seiner Bedeutung überschätzt. Er rahmt diese Vorstellung als wissenschaftlich gebotene Einsicht in die Reihe der „Kränkungen der Menschheit" und stellt sie als nüchterne Konsequenz aufgeklärten Denkens dar. Diese These ist analytisch und historisch mehr als nur fragwürdig. Analytisch widerspricht sie der Struktur einer objektiven Ethik. Sollenssätze sind zielrelative Förderbehauptungen, deren Zielanker — die Linienfitness — vom einzelnen Lebewesen ausgeht (Delor, 2026). Jeder Mensch hat damit nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, für seine eigenen Interessen und für den Erhalt seiner Linie einzustehen. Daraus folgt kein Recht auf Durchsetzung gegen andere; gerade die Konkurrenz einzigartiger Linien ist die Selektionssituation, in der sich Bewährtes gegen weniger Bewährtes durchsetzen kann. Welche Variante sich bewährt, ist im Vorhinein nicht bestimmbar. Jeder Mensch ist genuin einzigartig, kein austauschbares Rädchen in einem Getriebe, dessen Funktionsweise ein Planer überblicken könnte. Historisch ist die Konsequenz der „austauschbares Individuum"-Logik gut dokumentiert. Sobald konkrete Einzelne zugunsten abstrakter Aggregate, Klassenkollektive oder zukünftiger Idealgesellschaften relativiert werden dürfen, fällt die wichtigste Schranke gegen utopistisches Massenunrecht weg (Courtois et al., 1999; Popper, 1945/2013; Snyder, 2010). Stalin, Mao, Pol Pot und der Nationalsozialismus haben jeweils Millionen Menschen für die Verheißung einer überlegenen Zukunft geopfert (Courtois et al., 1999; Snyder, 2010). Karl Popper (1945/2013) hat in *Die offene Gesellschaft und ihre Feinde* die methodische Wurzel dieses Musters benannt: Utopisches Sozial-Engineering konstruiert eine Idealgesellschaft und argumentiert rückwärts, welche Mittel zu ihrer Erreichung nötig seien; die konkreten Menschen der Gegenwart werden zur Manövriermasse. Dem stellt Popper (1945/2013) das Piecemeal Engineering gegenüber: Ausgang vom konkreten Ist-Zustand, schrittweise Verbesserung benennbarer Missstände, ständige Korrekturmöglichkeit aufgrund der tatsächlichen Folgen. Genau in diesem Gegensatz liegt der Unterschied zwischen einer objektiv-liberalen Ethik und einer utopistisch-linken Ethik, wie Sauer sie vertritt. Dieser Punkt wird am Ende des Buches noch deutlicher, wenn Sauer Peter Singers Moralphilosophie, effektiven Altruismus und Longtermismus behandelt. Zwar bekennt er sich nicht ausdrücklich als Vertreter dieser Bewegung, doch seine Darstellung bleibt durchgehend wohlwollend. Das geschilderte Ehepaar, das einen großen Teil seines Einkommens für angeblich besonders wirksame Zwecke spendet, erscheint nicht als Problemfall asketischer Selbstinstrumentalisierung, sondern als moralisch eindrucksvolles Beispiel. Kritische Gegenargumente fehlen. Eine solche Darstellung ist keine neutrale Rekonstruktion, sondern faktisch Zustimmung durch einseitige Rahmung. Effektiver Altruismus und Longtermismus verschärfen genau den Fehler, der schon in Sauers Abwertung des Individuums angelegt ist. Der einzelne Mensch zählt nur noch als austauschbarer Nutzenposten innerhalb einer aggregierten Gesamtbilanz. Im Longtermismus wird dieser Gedanke auf hypothetische zukünftige Massen ausgedehnt: Gegenwärtige Individuen, konkrete Gruppen und sogar ganze Generationen können moralisch relativiert werden, wenn dadurch ein angeblich größerer zukünftiger Nutzen gesichert wird (Singer, 1972, 2015; MacAskill, 2015, 2022; Ord, 2020; Greaves & MacAskill, 2021). Damit kehrt die alte utopistische Struktur in technokratischer Form zurück. Nicht mehr die klassenlose Gesellschaft, die rassische Zukunft oder das Reich der Freiheit liefern die Rechtfertigung, sondern „maximierter Impact“, „existential risk reduction“ und das Wohlergehen unzähliger hypothetischer zukünftiger Personen. Der entscheidende Fehler liegt in der Anmaßung zentraler Planung. Effektiver Altruismus und Longtermismus setzen voraus, dass wissenschaftliche Gremien, Expertennetzwerke, Stiftungen, Staaten oder künftig KI-gestützte Entscheidungsinstanzen besser wissen können, welche Handlungen langfristig den größten Nutzen erzeugen. Doch gerade langfristige Folgen in komplexen sozialen, biologischen und kulturellen Systemen sind nicht zentral überschaubar. Entscheidungsrelevantes Wissen ist verteilt, lokal, stillschweigend und oft nur in gewachsenen Praktiken gespeichert (Hayek, 1945; Taleb, 2012, 2018). Evolution hat über Milliarden Jahre keine perfekten, aber dezentral getestete und unter realen Kosten bewährte Strategien hervorgebracht. Der Longtermismus ersetzt diese dezentrale Bewährung durch abstrakte Modellierung und moralische Großrechnung. Damit wiederholt er den zentralen Fehler des Sozialismus auf technokratischer Ebene: Eine kleine Planungsinstanz glaubt, aus übergeordnetem Wissen heraus bestimmen zu können, welche Opfer heute für ein angeblich besseres Morgen gerechtfertigt sind. Je größer der angenommene zukünftige Nutzen, desto leichter lässt sich das konkrete Individuum opfern. Longtermismus und Effektiver Altruismus ist keine harmlose Erweiterung moralischer Verantwortung, sondern eine gefährliche Form utopistischen Denkens. Er liefert die moralische Grammatik, mit der sich Zwang, Entmündigung und algorithmische Planung als Rationalität ausgeben können. Sauer schreibt eine Geschichte der Moral, ohne diese Linie zu analysieren, und stellt diese technokratische Bewegung sogar als möglichen Höhepunkt moralischen Fortschritts dar. Als Professor für Moralphilosophie kann er Popper nicht nicht kennen; ihn zu übergehen, ist eine Wahl, kein Versehen. ### Bagatellisierung sexueller Gewalt durch falsche Vergleichsmaßstäbe Später im Buch versucht Hanno Sauer Kriminalstatistik und sexuelle Gewalt zu bagatellisieren, indem er sie mit Todesfällen bei Krebs und Nierenerkrankungen vergleicht. Der Vergleich verfehlt den Gegenstand. Krebskranke sind keine Tätergruppe, verfolgen keine politisch-religiöse Ideologie und bedrohen keine Frauen im öffentlichen Raum. Gewalt- und Sexualdelikte sind dagegen absichtliche Handlungen verantwortlicher Täter mit konkreten Opfern. Die Folgen reichen oft weit über die Tat hinaus: Angst, Depression, Bindungsunfähigkeit, Arbeitsunfähigkeit und zerstörte Familienperspektiven. Hinzu kommt: Dieses Problem steht nicht isoliert. Es gehört zu einem größeren kulturellen Konflikt, wenn Migration aus islamisch geprägten Herkunftsländern mit Milieus einhergeht, in denen Scharia, religiöse Ehrordnungen und traditionelle Geschlechterbilder über westliche Freiheit, Gleichberechtigung, Säkularität und Rechtsstaat gestellt werden (Brettfeld et al., 2026; Dreißigacker et al., 2024; Pfündel et al., 2021). Das ist keine Randerscheinung mehr. In Westdeutschland einschließlich Berlin hatten 2020 über 40 Prozent der unter Sechsjährigen einen Migrationshintergrund (Bundeszentrale für politische Bildung, 2022). Solche Zahlen verändern die kulturelle und ethnische Grundlage der nächsten Generation. Daraus folgt keine pauschale Verurteilung jedes einzelnen Migranten oder jedes einzelnen Muslims. Der Punkt ist wenn ein erheblicher Teil einer wachsenden Bevölkerungsgruppe liberale, säkulare und rechtsstaatliche Prinzipien ablehnt oder relativiert, reicht das für eine reale Gefährdung (Brettfeld et al., 2026; Dreißigacker et al., 2024). Eine liberale Ordnung kann nur bestehen, wenn sie von der Mehrheit getragen und verteidigt wird. Sauers Vergleich mit Krebs und Nierenerkrankungen macht diese Opfer, Risiken und politischen Zusammenhänge unsichtbar. ### Robert Nozicks Wilt-Chamberlain-Argument Sauer bringt Robert Nozicks Wilt-Chamberlain-Argument in den Kontext seiner Verteidigung externer Eingriffe in Verteilungsergebnisse. Nozicks (1974) Argument lautet so: Ein berühmter Basketballspieler tritt nur unter der Bedingung an, dass jeder Zuschauer zusätzlich zum normalen Eintrittspreis einen kleinen Betrag direkt an ihn zahlt. Die Zuschauer stimmen zu, weil ihnen das Spiel diesen Betrag wert ist. Nach einer Saison ist der Spieler erheblich reicher als alle anderen — durch eine Kette individueller, freiwilliger Entscheidungen, ohne dass jemand betrogen oder gezwungen worden wäre. Nozick zieht daraus den Schluss, dass Ungleichheit, die auf freiwilligen Transaktionen beruht, nicht per se ungerecht sein kann; jede Theorie, die solche Verteilungsergebnisse als ungerecht zurückweist, müsste Eingriffe in freiwillige Handlungen rechtfertigen. Sauer übernimmt das Argument als Material und kehrt es um: Weil bereits aus rein freiwilligen Handlungen massive Ungleichheit entstehen könne, sei externe Regulierung nötig, damit solche Ungleichheit gar nicht erst entstehe. Diese Argumentation ist gleich auf zwei Ebenen fehlerhaft. Erstens ist Nozicks Argument selbst nicht tragfähig. Es setzt die Freiwilligkeit voraus, die es eigentlich begründen müsste. Die Zuschauer stehen vor einer künstlich geschaffenen Zugangssperre — wer das Spiel sehen will, muss zahlen, denn das Stadion gehört nicht ihnen, und Alternativen mit demselben Spieler existieren nicht. Auch die Mitspieler müssten der Sonderstellung des Stars zustimmen, obwohl ihnen praktisch keine Wahl bleibt: Entweder sie akzeptieren die Bedingungen, oder das Spiel kommt nicht zustande, womit auch ihre eigene Bezahlung und ihr beruflicher Erfolg entfallen. Was Nozick als reine Freiwilligkeit präsentiert, ist eine Wahl unter strukturell vorgegebenen Bedingungen, die im Argument als gegeben unterstellt, aber nicht analysiert werden. Zweitens ist Sauers Schlussfolgerung selbst dann falsch, wenn man Nozicks Argument unterstellt. Aus „freiwillige Handlungen können Ungleichheit erzeugen" folgt nicht, dass Gleichheit das anzustrebende Verteilungsziel ist. Diese Prämisse setzt Sauer voraus, ohne sie zu begründen. Selbst wenn Nozick recht hätte, würde sein Argument lediglich eine Schwierigkeit für rein prozedurale Gerechtigkeitstheorien aufzeigen — es lieferte kein positives Argument für Gleichverteilung als normatives Ziel und damit auch keines für regulierende Eingriffe in diese Richtung. Sauer widerlegt Nozick nicht, sondern verwendet ein fremdes, in sich unhaltbares Argument als Vehikel, um eine eigene normative Setzung — Gleichverteilung als Ziel — als bereits erwiesen erscheinen zu lassen. ### WEIRD-Moral als versteckte Norm Ein weiterer problematischer Punkt liegt in Sauers Umgang mit der WEIRD-These. Henrich beschreibt westliche, gebildete, industrialisierte, reiche und demokratische Menschen als kulturpsychologische Sonderfälle: stärker individualistisch, weniger an Verwandtschaftsgruppen gebunden, stärker auf abstrakte Regeln, Gleichheit und unpersönliche Kooperation ausgerichtet. Diese Entwicklung verbindet Henrich unter anderem mit dem kirchlichen Heiratsrecht, das Verwandtenehen einschränkte und dadurch traditionelle Clan- und Sippenbindungen schwächte. Als historische These mag das prüfbar sein. Problematisch wird es, sobald diese Entwicklung stillschweigend als moralischer Fortschritt behandelt wird. Aus der Tatsache, dass westliche Gesellschaften individualistischer, universalistischer und egalitärer geworden sind, folgt noch nicht, dass diese Entwicklung gut ist. Dafür bräuchte es einen Maßstab. Wenn Sauer zugleich behauptet, man könne nicht einfach von Fakten auf Normen schließen, entsteht genau hier der entscheidende Widerspruch: Eine kulturelle Sonderentwicklung wird beschrieben und zugleich als moralisch höherstehend gewertet. Zudem bleiben die Kosten dieser Entwicklung unterbelichtet. Eine Moral, die Menschen aus konkreten Bindungen löst, kann größere Kooperation über Gruppen hinweg ermöglichen. Sie kann aber auch Familie, Herkunft, Tradition und kulturelle Selbstbehauptung schwächen. Wenn eine Kultur am Ende jene Linien und Institutionen untergräbt, durch die sie selbst weitergegeben wird, lässt sie sich nicht ohne Weiteres als moralisch überlegen darstellen. Auch hier fehlt der objektive Maßstab, an dem sich entscheiden ließe, ob diese Entwicklung besser oder schlechter ist. ### Das Beifahrer-Dilemma Das Beifahrer-Dilemma zeigt denselben Punkt im Kleinen. Ein Mann sitzt bei seinem Freund im Auto. Der Freund fährt zu schnell und verursacht einen Unfall. Nun muss der Beifahrer entscheiden, ob er wahrheitsgemäß aussagt und seinen Freund belastet oder ob er ihn aus Loyalität schützt. In WEIRD-Gesellschaften gilt meist die erste Antwort als moralisch richtig: Wahrheit, Gesetz und Unparteilichkeit stehen über persönlicher Loyalität. In anderen Kulturen wird die Bindung an den Freund stärker gewichtet. Daraus folgt zunächst nur, dass verschiedene Kulturen moralische Konflikte unterschiedlich deuten. Es folgt nicht, dass die westliche Antwort objektiv besser ist. Hinzu kommt: Solche Befragungen messen oft eher moralische Selbstdarstellung als tatsächliches Verhalten. Ein westlicher Student weiß, welche Antwort als aufgeklärt und gesetzestreu gilt. Ob er im Ernstfall wirklich so handeln würde, bleibt offen. Wenn Sauer solche Antworten als Zeichen moralischen Fortschritts deutet, macht er aus kulturell geprägten Selbstauskünften eine normative Rangordnung. Genau dafür liefert er keinen Maßstab. ### Politische Gegensätze Auch die Behauptung, politische und moralische Gegensätze seien weniger tief als ihre Standpunkte und im Grunde nur Lagerdenken, hält nicht. Sauer stützt sich auf psychologische Experimente, in denen Versuchspersonen manipulierte Positionen übernehmen oder nachträglich verteidigen (Hall et al., 2012, 2013). Solche Befunde belegen Manipulierbarkeit, Anpassung und Rationalisierung, widerlegen aber keine echten weltanschaulichen Gegensätze. Wer in Grundannahmen, Zielbegriffen und Konsequenzen anders ansetzt, vertritt nicht bloß eine andere Ausdrucksform derselben Moral. Sauer verwechselt psychologische Plastizität mit theoretischer Kommensurabilität. ### Pathologisierung männlicher Partnerlosigkeit Problematisch ist auch Sauers Umgang mit Incels und der weiteren Manosphere. Er behandelt ein reales soziales Problem so, als sei es primär eine politische oder psychologische Abweichung rechter Männer. Damit verschiebt er den Gegenstand. Incels sind nicht identisch mit der gesamten Manosphere, und schon gar nicht ist jeder Mann, der unter Partnerlosigkeit, sexueller Frustration oder dem Zerfall stabiler Beziehungsstrukturen leidet, ein gefährlicher Extremist. Sauer pathologisiert damit ein natürliches Bedürfnis: Sexualität, Bindung, Familiengründung und Anerkennung sind keine krankhaften Ansprüche, sondern evolutionär tief verankerte menschliche Grundmotive. Der eigentliche Bruch liegt in der modernen Partnerwahl selbst. Dating-Apps, algorithmische Sichtbarkeit und digitale Vergleichsmärkte erzeugen Winner-takes-it-all-Effekte, die frühere lokale Heirats- und Beziehungsmärkte so nicht kannten. Ein kleiner Teil besonders attraktiver Männer erhält überproportional viel Aufmerksamkeit, während ein großer Teil durchschnittlicher Männer weitgehend unsichtbar wird. Frauen können kurzfristige sexuelle Kontakte meist leichter finden, stehen aber beim Aufbau stabiler Langzeitbeziehungen vor demselben strukturellen Problem: Die besonders begehrten Männer haben oft keinen Anreiz zur Bindung, weil die Plattformlogik ihnen permanente Alternativen liefert. Das Ergebnis ist keine Befreiung, sondern Instabilität: weniger Ehe, weniger Kinder, mehr kurzfristige Beziehungen, mehr Alleinerziehung und schwächere Familienstrukturen. Die Folgekosten treffen nicht nur einzelne Männer und nicht nur Kinder, sondern die gesamte Gesellschaft. Kinder aus Ein-Eltern-Haushalten haben im Durchschnitt schlechtere Startbedingungen, auch wenn individuelle Ausnahmen selbstverständlich bestehen. Frauen leiden ebenfalls unter dieser Entwicklung, weil kurzfristige sexuelle Verfügbarkeit keine stabile Bindung ersetzt. Wenn dauerhafte Paarbildung, Ehe und Familiengründung zurückgehen, bricht die demographische Grundlage der Gesellschaft weg. In vielen westlichen Ländern lässt sich die Funktionsfähigkeit von Arbeitsmarkt, Rentensystem, Krankenversicherung und Altenversorgung nur noch durch Zuwanderung stabilisieren; diese verdeckt den Geburtenmangel, löst ihn aber nicht. Japan zeigt die Konsequenz deutlicher, weil es weit weniger auf Einwanderung setzt: Überalterung, Arbeitskräftemangel und steigende Belastung der verbleibenden Erwerbsbevölkerung. Europa und Nordamerika stehen vor demselben Problem, nur wird es dort teilweise durch Migration verschoben und mit neuen kulturellen Konflikten verbunden. Sauer blendet diesen Zusammenhang aus. Er pathologisiert die Männer, die unter dem Zerfall stabiler Bindungsordnungen leiden, während die tatsächlich pathologische Plattformlogik als moderner Normalzustand erscheint. ### Intersektionalität als Rückfall hinter liberalen Universalismus Noch deutlicher wird Sauers postmoderne Schlagseite dort, wo er intersektionale Deutungsmuster übernimmt. Intersektionalität tritt mit dem Anspruch auf, Rassismus, Sexismus und Unterdrückung zu überwinden (Crenshaw, 1989, 1991). In der Praxis führt sie aber genau jene Kategorien wieder ein, die der Liberalismus überwinden wollte: Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Identität und Gruppenzugehörigkeit werden erneut zu moralisch-politischen Rangmerkmalen. Der liberale Grundsatz lautet: Der Einzelne zählt zuerst als Mensch und Bürger, nicht als Exemplar einer Gruppe (Mill, 1859). Intersektionales Denken dreht das um. Es bewertet Menschen nach Gruppenzugehörigkeit und sortiert sie entlang angenommener Unterdrückungsachsen. Auch evolutionär und sozial ist diese Opferlogik zerstörerisch. Schwäche, Benachteiligung oder Verletzbarkeit begründen nicht automatisch Wahrheit, Recht oder moralische Überlegenheit. Entscheidend ist, welche Verhaltensweisen und Institutionen langfristig Kooperation, Verantwortlichkeit, Familienbildung, Selbstbehauptung und kulturelle Stabilität fördern (Axelrod, 1984; Maynard Smith, 1982; Eibl-Eibesfeldt, 1989). Intersektionale Opferpolitik setzt den falschen Anreiz: Sie belohnt die Selbstbeschreibung als Opfer, schwächt Eigenverantwortung und bindet Menschen an einen Status, aus dem sie angeblich befreit werden sollen (Campbell & Manning, 2014, 2018; Fukuyama, 2018). Wer gelernt hat, seine Lage primär als Folge äußerer Unterdrückung zu deuten, hat weniger Grund, durch eigene Leistung, Disziplin, Bindung und Verantwortung aus dieser Lage herauszukommen; psychologisch liegt hier eine Nähe zur Logik erlernter Hilflosigkeit (Seligman, 1975). Damit hilft diese Ideologie den Betroffenen nicht, sondern stabilisiert ihre Abhängigkeit von politischer Betreuung und moralischer Anklage. Genau darin liegt ihr antiliberaler Kern. ## Fazit: Manipulation statt Rekonstruktion Obwohl diese Kritik nur eine kleine Auswahl der Fehler behandelt, ist das Ergebnis bereits ernüchternd. Eine vollständige Analyse des Buches würde den Rahmen sprengen; die besprochenen Beispiele reichen jedoch aus, um das Grundmuster sichtbar zu machen. Am Ende bleibt ein Buch, das weder als wissenschaftliche Rekonstruktion noch als Ethik überzeugt. Sauer liefert keine neutrale Geschichte der Moral, sondern die Verteidigung einer politischen Position mit den Mitteln selektiver Empirie, zahlreicher Fehlschlüsse und rhetorischer Verschiebungen. Er ignoriert die Mechanismen, die Moral evolutionär stabilisieren – Linienfitness, Reziprozität und Reputation –, und ersetzt sie durch eine utopistische Grundhaltung, die das Individuum dem Kollektiv unterordnet. Bei Lesern ohne Hintergrund in Evolutionsbiologie oder Wissenschaftstheorie mag diese Strategie verfangen. Wer genauer hinsieht, erkennt: Das ist kein Erkenntnisgewinn, sondern Manipulation. Eine ehrliche Geschichte der Moral sieht anders aus. ## Empfehlung für interesierte Leser Wer sich für die tatsächlichen biologischen, sozialen, kulturellen, psychologischen und spieltheoretischen Hintergründe menschlicher Moral interessiert, findet bessere Einstiege als Sauers politisch gefilterte Moralgeschichte. Robert Sapolskys (2017) *Gewalt und Mitgefühl* bietet eine breite Rekonstruktion menschlichen Verhaltens aus Neurobiologie, Verhaltensforschung, Evolution und Sozialpsychologie. Irenäus Eibl-Eibesfeldts (1997) *Die Biologie des menschlichen Verhaltens* ist die klassische humanethologische Gegenlektüre und behandelt kulturübergreifende Muster wie Bindung, Aggression, Ritual, Kooperation, Rangordnung, Sexualverhalten und Gruppenkonflikte. Als zugänglicherer Einstieg in dieselbe Richtung eignet sich Eibl-Eibesfeldts (1970) *Liebe und Haß*. Reinhard Hallers (2019) *Das Böse* ergänzt diese Perspektive kriminalpsychologisch und behandelt Kränkung, Gewalt, Sadismus, Täterpsychologie und Verantwortung. Für die spieltheoretischen Grundlagen von Kooperation, Reziprozität und stabilen Strategien sind Robert Axelrods (1984/2009) *Die Evolution der Kooperation* und John Maynard Smiths (1982) *Evolution and the Theory of Games* zentral: Kooperation entsteht hier nicht aus moralischer Rhetorik, sondern aus wiederholter Interaktion, Gegenseitigkeit, Sanktionierbarkeit, Reputation und evolutionär stabilen Strategien. Wer sich für kognitive Verzerrungen interessiert, sollte zusätzlich Daniel Kahnemans (2012) *Schnelles Denken, langsames Denken* lesen; für den Status-quo-Bias selbst ist der klassische Aufsatz von Samuelson und Zeckhauser (1988) zu empfehlen. Wer schließlich eine große kulturgeschichtliche Überblicksdarstellung sucht, kann Hararis (2013) *Eine kurze Geschichte der Menschheit* ergänzend lesen; sie ersetzt keine evolutionsbiologische oder spieltheoretische Erklärung von Moral, ist aber als Darstellung kultureller Großprozesse nützlich. ## Literatur und Quellen - Amato, P. R., Patterson, S. E., & Beattie, B. (2015). *Single-parent households and children’s educational achievement: A state-level analysis*. *Social Science Research, 53*, 191–202. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4508674/ - Ames, K. M., & Maschner, H. D. G. (1999). *Peoples of the Northwest Coast: Their archaeology and prehistory*. Thames & Hudson. - Aristoteles. (2009). *Nikomachische Ethik* (E. Rolfes, Übers.). Anaconda. (Originalwerk erschienen im 4. Jh. v. Chr.) - Axelrod, R. (2009). *Die Evolution der Kooperation* (7. Aufl.; W. Raub & T. Voss, Übers. und Nachw.). Oldenbourg. (Originalwerk erschienen 1984) - Boehm, C. 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